Seun Kuti Konzert in Hamburg

RSS
Recomendar

Jul 7 2011, 11h56

Mi., 6. Jul. – Seun Kuti


Dope, Schweiß, Demokratie: Seun Kuti ist der Sohn Fela Kutis, des mächtigsten Afro-Musikers aller Zeiten, der einst Nigerias Diktatoren in Angst und Schrecken versetzte. Auf seiner ersten Deutschlandtour zeigt der Junge die Wut seines Vaters - und den Witz eines großen Entertainers.

Die beiden älteren Herren am linken und am rechten Bühnenrand der Hamburger Fabrik verziehen zwei Stunden lang nicht einmal das Gesicht, auf ihren T-Shirts steht "No Bullshit - 100 % Afrobeat". Der eine schlägt ein Hölzchen, der andere rührt die Rassel. Geschwitzt wird genausowenig wie gelächelt, aber jedes Tok rockt. Unweigerlich fragt man sich, wieviele Stunden die beiden das wohl schon in ihrem Leben getan haben - 20.000, 50.000? Die Batterien gehen offensichtlich trotzdem nicht aus.

Zum Teil sind die rund 15 Musiker, die in Hamburg unter dem Namen Egypt 80 auf der Bühne stehen, bereits seit den späten Sechzigern dabei. Sie spielten schon mit dem Afrobeat-Propheten Fela Kuti, als der in der Militärdiktatur Nigerias seine "Republic of Kalakuta" ausrief, um in dieser quasi-autonomen Zone in zeit- und genresprengenden Musikstücken gegen die Kriegstreiber und Kleptokraten des Landes zu wettern. Funk, Jazz und afrikanische Highlife-Vibes verschmolzen bei den vielstündigen Konzerten von Fela Kutis vielköpfigen Ensembles zu Kampfstücken, die den Diktatoren Nigerias den Angstschweiß auf die Stirn trieben. Musik war wahrscheinlich nie mächtiger.

Eine Erfahrung, die Seun Kuti schon als Kind machte: Mit neun ging er mit seinem Vater Fela und Egypt 80 auf Tournee, nach dessen Aids-Tod 1997 übernahm er im Alter von nur 14 Jahren die Leitung, mit 28 Jahren ist er jetzt zum ersten Mal mit dem Ensemble auf Deutschlandtour gekommen. Vater Kuti ist quasi auch dabei - in Form eines Tatoos auf seinem Rücken, das entblößt wird, als sich Seun gegen Ende das schweißnasse Hemd auszieht: "Fela lives" steht da in gotischen Lettern.

Bis in die Zehenspitzen

Der Geist vom großen Fela, die Macht der legendärsten Musiktruppe Afrikas: Es ist klar, dass Seun Kuti hier nicht dirigiert, sondern eher dirigiert wird. Und er selbst fügt sich am Mittwoch in der Hamburger Fabrik souverän, spielerisch und zuweilen sogar ironisch in diese Rolle. Das fällt umso mehr auf, wenn man Seun mit dem anderen berühmten Spross des Kuti-Clans vergleicht, den fast zwei Jahrzehnte älteren Femi, der ebenfalls mit einem Ensemble durch die Welt zieht, um das Afrobeat-Erbe seines Vaters zu verwalten: Wo dessen Auftritte straff, aggressiv und durchchoreographiert sind, da regiert bei Seun die Anarchie.

Die Tänzerinnen im Bühnenhintergrund schütteln ihren Unterleib, wie es ihnen beliebt, und wenn sie mal keine Lust haben, verschwinden sie hinter die Bühne. Einzelne Bläser treten für Soli an den Bühnenrand, und die Gitarristen spielen diese kitzelnden Riffs, die direkt in die Zehenspitzen gehen. Der Star des Abends? Das ist keine Person, das ist ein Stil: der Afrobeat, der hier in Reinkultur vorgeführt wird. Wie eine sonderbare, uralte Maschine läuft, läuft und läuft er.

Und es ist eben Seun Kutis Aufgabe, diesen Afrobeat in die nächsten Jahrzehnte zu führen. Das heißt, er muss den grimmigen Kampfgeist des Vaters bewahren und gleichzeitig um neue, globale Perspektiven ergänzen. Nigeria ist ja immer noch eher eine Demokratieattrappe als eine wirkliche Demokratie, da gibt es es immer noch genug zu kritisieren; gleichzeitig kann der in Lagos lebende, aber in London sozialisierte Seun Kuti nicht ernsthaft die machistische Attitüde seines mythisch überhöhten Vaters übernehmen, der so viele Ehefrauen gehabt haben soll wie Musiker in seinen Ensembles.

Pflanz' den Samen!

So darf Seun, der Junge, eben nicht den potenten Politagitator geben. Geschmeidig tanzend tritt er am Mittwoch als Mittler auf, nicht als Erlöser. Er ist ein brillanter Altsaxophonspieler, ein grandioser Tänzer sowie ein inspirierter Geschichtenerzähler und Einheizer. Natürlich hat er einen Marihuana-Song im Repertoire, bei dem er nach langer, lustiger Vorrede alle Konzertzuschauer dazu animiert, pantomimisch den heiligen und freudespendenden Samen zu pflanzen, zu gießen und sprießen zu lassen.

In einem späteren Song erläutert er den nigerianischen Slangbegriff für den Vorgang, wenn die Frau vom Mann sexuelle Leistungsbereitschaft einfordert. Ziemlich komisch ahmt er dabei europäische Umschreibungen für das weibliche Genital nach - bis eine Frau aus dem Publikum, die zuvor schon beim Marihuana-Tanz besonders beseelt mitgemacht hat, ihm das korrekte Wort entgegenschleudert: "Pussy!" Da freut sich Seun Kuti.

Derartig aufgeheizt bekommen die politischen Schlachtlieder den nötigen Schmiss, die nötige Unausweichlichkeit. Etwa "Rise", der Titelsong seines neuen Albums, der von den Ausbeutung Nigerias durch die Ölkonzerne berichtet, oder das grandiose "Mr. Big Thief", wo er von den Machthabern Nigerias, die ihr eigenes Land ausrauben, und ihren internationalen Verknüpfungen singt. Bei letzteren reißt sich Kuti besagtes vom klatschnassen Körper. Eine Handlung, die von dem Hölzchenschläger und dem Rasselmann in den "100 % Afrobeat"-Shirts eher verwundert zur Kenntnis genommen wird.

Nicht einmal haben die beiden coolen älteren Herren aufgehört, den Rhythmus für das Konzert zu spenden, kein Schweißtropfen wurde von ihrem Körper abgesondert. 40 weitere Jahre könnte das bei den beiden wohl so weitergehen. Wir wären auf jeden Fall dabei.



Spiegel Online

Comentários

Deixe um comentário. Faça login na Last.fm ou cadastre-se agora (é gratuito).