Musik aus Griechenland. E-Mail an einen Musikfreund

RSS
Recomendar

Fev 27 2009, 6h58

Vorgeplänkel

- Jetzt wo ich dein Profil entdeckt hab, werd ich mal deine Musiksammlung durchhören. Trotz der tollen Übereinstimmung wirds da sicher was geben, was ich noch nicht kenne.

- Ja, wahrscheinlich griechische Folklore.

- Kenn eigentlich überhaupt keine griechische Musik, außer... Ok, eigentlich nichts. Folklore? Klingt gut, ich mag Folklore, meistens! Also denn...




Hmm, was empfiehlt man am Besten? Ich versuche mal die griechische Musik in Stile einzuteilen: Da gibt es zunächst das Dimotikó. Im Deutschen würde man das wohl als klassische Folklore, als traditionelle Musik bezeichnen. Ein geübtes Ohr kann diese Dimotikó-Stücke sogar einzelnen Regionen zuweisen, d.h. es gibt nicht die eine nationale Folklore. Eigentlich logisch. Bayerische Folklore dürfte mit ostfriesischer Folklore auch nicht viel gemein haben. Viele dieser traditionellen Melodien sind trotzdem gemeinsames Kulturgut aller Balkanländer und über die Shantel-Bregovic-und-Co.-Welle in aufegepeppter, moderner Form auch weltweit szenebekannt geworden. Aus dieser Sparte empfehle ich mal Domna Samiou (Δόμνα Σαμίου).

Dann gibt es das Laikó. Sein eigentliches Charakteristikum dürfte die Bouzouki sein, dieses mit der türkischen Saz verwandte Saiteninstrument mit dem scheppernden Klang. Eigentlich ist das Laikó nichts anderes als die Fortentwicklung der traditionellen Musik der Kleinasien-Griechen. Diese haben das Instrument bei ihrer Vertreibung in den 1920er Jahren nach Athen und Piräus gebracht und den sogenannten Rembétiko-Sound kreiert. Daraus hat sich eine enorme Spannbreite an Musik entwickelt, die heute unter dem Begriff Laikó zusammengefasst wird und quasi zum Synonym für griechische Musik schlechthin geworden ist. Mit anderen Worten: die traditionelle Musik der Kleinasien-Griechen hat sich zur Nationalmusik Griechenlands entwickelt. Das, was im griechischen Restaurant im Hintergrund aus den Boxen klimpert, ist im weitesten Sinne Laikó.

Der Sirtaki, den jeder Griechenland-Urlauber irgendwann mal während des Animationsprogramms im Hotel vorgetanzt bekommt, ist nichts anderes als eine Komposition von Míkis Theodorákis aus den 1960er Jahren für den oscarprämierten US-Film "Zorbas". Hierfür hat er sich ganz intensiv beim Rembétiko bedient. Wenn du wissen willst, wie dieses Rembétiko klingt, empfehle ich Dir Michalis Genitsaris (Μιχάλης Γενίτσαρης).

Für mich ist das Laikó heute ein kaum noch definierbarer Begriff, dank der zahlreichen Ausgestaltungen, die es im Laufe der Jahrzehnte erfahren hat. Manches klingt für mich wie Schlager (mit deutschen Begrifflichkeiten gesprochen), manches wie schlechter Pop. Selbst den modernen Gräko-Pop (als Begriffsäquivalent zum Türkpop) sehe ich in der Laikó-Tradition, da irgendwie die Bouzouki scheinbar selbst hier nicht weggelassen werden kann.

Klassisch-typische Laikó-Musik macht in meinen Augen Glykeria (Γλυκερία). Eleftheria Arvanitaki (Ελευθερία Αρβανιτάκη) ist etwas experimenteller und mischt ab und an starke, klassisch-traditionelle Elemente mit rein und verzichtet auch schon mal auf die Bouzouki, wodurch das ganze etwas chansonesker wirkt.

Auch die politische Musik hat sich stark am Laikó orientiert, kennzeichnend dafür sind die Kompositionen von Mikis Theodorakis (Μίκης Θεοδωράκης). Etwas später in den 1970er Jahren wurde der Folk-Rock à la Bob Dylan immer einflussreicher, so dass politische Musik jetzt auch in Griechenland eher an deutsche Liedermacher erinnerte als an Bouzouki-Klänge. Ein typisches Beispiel hierfür wäre Dionysis Savvopoulos (Διονύσης Σαββόπουλος), der sich selbst nicht in erster Linie als poltischer Barde versteht.

Gleichzeitig hielten auch die westlichen Musikstile fulminant Einzug und es entstanden vor allem mit Beginn der 1980er diverse Rockbands, Punkbands, New-Wave-Bands etc.. Typisch griechisch waren an diesen Bands nur die Texte, und musikalisch gesehen können sie meiner Meinung nach den Vorbildern aus dem angloamerikanischen Raum kaum das Wasser reichen. Der Rockstar schlechthin in Griechenland ist Vasilis Papakonstantinou (Βασίλης Παπακωνσταντίνου) und schon seit Mitte der 1970er Jahre auf der Bühne aktiv.

Mit dem Einzug der westlichen Musikstile hat sich auch eine neue musikalische Richtung in Griechenland entwickelt: das Éndechno. In meinen Augen sind das moderne Liedermacher, die sich hier und da bedienen, selten mal etwas Bouzouki verwenden, selten mal etwas traditioneller, gerne mal etwas rockiger und häufiger mal etwas softer sind. Die Grundlage liegt aber eher auf relativ anspruchsvollen, poetischen Texten und auf der akkustischen Gitarre. Der Inbegriff des Éndechno ist für mich Alkinoos Ioannidis (Αλκίνοος Ιωαννίδης). Und das Éndechno in meinen Augen die nouvelle scène Griechenlands. Auch Thanasis Papakonstantinou (Θανάσης Παπακωνσταντίνου), nicht verwandt oder verschwägert mit oben genanntem Rockstar, muss an dieser Stelle erwähnt werden. Meiner Meinung nach ist Dionýsis Savvópoulos (siehe oben) der Urvater der Éndechno-Szene.

So, ich hoffe mal, das war halbwegs interessant für Dich. Zum Schluss empfehle ich Dir noch Imam Baildi, eine Band die Rembetiko-Schlager, Laikó-Stücke und Traditionelles elektronisch abmischt und sampelt. Sicher gibt es aus anderen Ländern bessere Beispiele dafür, aber in der griechischen Musikszene ist so viel Fusion, so viel an wildem Mix gegensätzlichster Musikstile eher die große Ausnahme. Deshalb seien sie an dieser Stelle noch erwähnt.

Ach, und wie konnte ich ihn vergessen: Giorgos Dalaras (Γιώργος Νταλάρας), international auch als George Dalaras bekannt. Es gibt kein griechisches Musikgenre, das er ausgelassen hätte. Eigentlich ist er ein Laikó-Sänger und beherrscht das gesamte, riesige Spektrum dieses Genres. Doch das war ihm wohl nie genug. Es gibt Alben, auf denen er Dimotikó singt, Alben auf denen er das Éndechno interpretiert usw.. Nur den Plastik-Pop hat er bisher ausgelassen. Wenn die griechische Musik ein Gesicht hat, dann seines. Vielleicht hab ich ihn vergessen, weil Schubladen zu klein für ihn sind.


Beste Grüße

Herr Köster

Comentários

  • yannis_p

    Eben erst (Mai 2011) entdeckt. Gute Einführung, liebevoll geschrieben! Kein leichtes Kapitel, die Entwicklung der Musik in Griechenland nach dem Krieg in ihrer ganzen Bandbreite knapp zu skizzieren. Dankeschön!

    Mai 1 2011, 15h21
Ver todos os comentários
Deixe um comentário. Faça login na Last.fm ou cadastre-se agora (é gratuito).