Feuchter, nasser Dunst war von der Küste über das Tiefland aufgezogen und umhüllte die Burg, wie ein unsichtbares Banner. Die Leute in der Region mieden die Burg.
Es hieß dass der dunkle Graf Van Samunel mit dem Fürsten der Hölle einen Pakt abgeschlossen hatte. Luzifer schenkte ihn das ewige Leben, dafür musste der Graf in den Vollmondnächten mit seinem pechschwarzen Hengst ins Tal reiten um nach jungen wunderschönen Jungfrauen Ausschau halten, um sie auf seine Burg zu verschleppen.
Dort oben opfere er die Mädchen dann in furchtbaren Ritualen den Fürsten der Hölle.
Die Schreie der Mädchen die als Echo von dem Bergen herab, bis ins Tal hinunter schalten waren Nächte lang zuhören, bevor sie für immer verstummten. Viele Jahre dauerten den Schrecken bis eines Tages die katholische Kirche einen Priester entsandte, um dem grauenvollen Grafen zu bekehren. Er führte an dem Grafen eine Satansaustreibung durch.
Doch er machte einem Fehler, die Austreibung ging schief. Sie verkehrte sich ins Gegenteil und aus dem Grafen wurde ein Dämon.
Fortan hallten in der Burg bei Vollmond das Klagen und das Stöhnen des unheimlichen Grafen durch die kalten, nassen Gemäuer. Die Menschen in Fandulena hasten seine Nachfahren. Sie wurden bespuck und zusammen geschlagen, wenn sie in das Dorf kamen um Lebensmittel einzukaufen. Keiner von ihnen wusste, wo sie hin gehen konnten.
Der letzte Van Samunel ertrug die Einsamkeit nicht und nahm sich sein junges Leben.
Ich war sein Diener und lebte seit dem Tod meines Lehnsherrn hier unten am Fuß des Berges in einem kleinen Häuschen mit meiner Frau und meinen sieben Töchtern.
In den Vollmondnächten blicke ich hinauf zur Burg. Dann sehe ich hoch oben in einen der Türme ein Licht. Dann weiß ich dass der Geist des toten Höllengrafen wieder zum Leben erwacht ist, um in einer Vollmondnacht Unheil über die Dorfbewohner zu bringen. Ich bin es, der diese unheimliche Geschichte in ein Buch niederschreibt. Es soll euch warnen, in dieses verfluchte Dorf zu kommen.
Der Dunst verdichtete sich zu einem weißen Schleier, der in einen dichten Nebel umschlug. Heute war Vollmond und er war erwacht, der dunkle Graf Van Samunel: Ein Reiter mit einer großen Axt und einem schwarzen Hengst. Die Haut des Satansreiters war bereits verwest und sein Skelett steckte nun in einer schwarzen, nach Fäule und Moder riechenden Ritterrüstung. Aber nicht das war das unvorstellbare Grauen. Sondern, dass der Reiter keinen Kopf mehr auf seinen Schultern trug. Das kleine Schönheitsmerkmal was fehlte, glich der Satansreiter durch seinen langen schwarzen Umhang aus. In den Vollmondnächten kehrte er zurück, um Schrecken und Angst zu sähen und um von den Menschen seinen Schädel zurück zu fordern. Um sein Untotes Dasein zu beenden und mit der Stärke eines Untoten über die Menschheit zu herrschen.
Das durfte niemals geschehen, darüber waren sich die Menschen des kleinen Dorfes Fandulena einig. Der Katholische Dorfpfarrer war einer der wenigen, der das Geheimnis des Satansreiters kannte. Aber auch die Dorfältesten kannten das fürchterliche Geheimnis, was dem Satansreiter anhaftete.
Tobias Hillmann war der neue Dorfpolizist und er hatte von all dem keine Ahnung.
Er machte wie immer seinen Rundgang, der in der Dorfkneipe endete.
„ Na Tobias“, sagte der alte Wirt.
„Wieder eine dieser Nächte in der der Vollmond auf uns herunter scheint, heute Nacht wird es wieder geschehen“, prophezeite er.
„Das denke ich nicht“ und dann winkte Tobias das Gespräch erstmals ab und bestellte sich ein Glas Bier. Er glaubte, als er die Warnungen des Alten hörte, an Wahnvorstellungen, oder an Aberglauben. Tobias verließ die kleine Kaschemme, setzte sich auf sein weißes Ross und machte sich auf den Weg nach Hause. Ein zufriedenes Lächeln huschte über den vierundzwanzig Jährigen, als er an das kurze Gespräch von vorhin dachte.
Die Eigenheiten der Dorfbewohner waren ihm bekannt, doch das Leben in Großstadtdschungel, wo er als Polizist gearbeitet hatte, war ihm nach kurzer Zeit zuwider geworden. Und so war er vor einem Jahr in sein Heimatdorf zurückgekehrt. Er füllte sich wohl bei seiner Entscheidung, schließlich waren hier seine Wurzeln. Hier lebten seine Familie, sein Freundeskreis und seine geliebte Jennifer.
„Wäre er mal besser mit seiner Freundin in seiner Großstadt geblieben, dann wären beide vielleicht noch am Leben“, dachte ich mir als ich die folgende Zeilen in mein Buch schrieb.
Tobias blickte auf seine Taschenuhr. In weniger als eine Stunde würde sie ihm besuchen und er war noch nicht einmal geduscht, noch hatte er Zeit gehabt seine Wohnung aufzuräumen.
Er würde sich beeilen müssen. Als er von der Straße abbog, fiel ihm gleich der Schwarze Hengst auf.
Jennifer ist zu früh gekommen, dachte er, als er das kleine Fachwerkhaus umrundete.
Doch als er den weißen Holzzaun erreichte, erkannte er seinen schrecklichen Fehler.
Aus der Eingangstür trat ein Wesen ohne Kopf mit einer Axt in der rechten Hand.
Über die linke Schulter trug er eine Frau. Sie kreischte und trat um sich. Es war Jennifer.
Tobias überlegte nicht lange. Er hechtete herum und sprang mit voller Wucht, mit seinen spitzen Ellbogen zuerst, gegen den Brustkorb des Untoten Grafen Van Samunel.
Der Graf fiel kopfüber in den Gemüsegarten. Dabei konnte sich Jennifer befreien.
Sie kreischte wild um sich und rannte voller Panik, ohne an Tobias zu denken, davon.
Tobias hatte das Knacken einiger Knochen gehört. Es waren seine eigenen. Er hatte sich den Arm gebrochen. Der dunkle Graf raffte sich, ohne eine Spur von Verletzung, auf und schlug den Polizisten mit seiner linken Faust zu Boden. Er wirbelte herum und sprang mit einem Riesensatz auf sein Pferd. Das bäumte sich auf und sie ritten dem jungen Mädchen nach.
Der Graf holte Jennifer schnell ein. Er griff sie und wuchtete sie auf sein Pferd. Auf dem Weg zur seiner Burg kam er an dem kleinen Häuschen vorbei, wo sich der Polizist wieder aufgerappelt hatte. Der Graf ritt in vollem Galopp auf den Polizist zu. Dieser zog seinen Revolver und schoss. Sechs Kugeln durchzuckten die dunkle Nacht und durchschlugen den Untoten Körper des Grafens. Die Luft machte Geräusche als er zum Schlag ausholte.
Mit einem Hieb hatte er Tobias den Kopf von den Schultern abgetrennt. Der Rumpf des Polizisten sank zu Boden.
Er war tot. Der Höllengraf trabte langsam zurück und hob den Kopf mit seiner Axt auf. Danach ritt er mit seiner Geisel davon. Ihre Schreie waren die ganze Nacht zu hören.
Eltern, die darauf loszogen, dem Unheimlichen Satansreiter das Handwerk zu legen, wurden nie mehr gesehen…
Die Gestalt hatte sich im Blattwerk versteckt. Aus der Ferne vernahm er den Dumpfen Hufschlag eines Pferdes durch den Morgennebel. Die kräftigen Strahlen der früh aufgehenden Sonne schafften sich Bahnen und durchdrangen die Nebelschwaden.
Das Blattwerk der alten Eichen oberhalb der Uferböschung glänzte vom Morgentau.
Das Pferd tauchte auf den grünen Hügeln vor Fandulena auf: Ein herrlicher Hengst mit langen, kräftigen Läufen, schlanken Fesseln und edel geformtem Kopf.
Im Sattel saß eine junge, wunderschöne, schlanke Frau mit Namen Camela Mundala, deren Haltung die geübte Reiterin verriet. Sie trug braune Reitstiefel, eine eng anliegende Reithose und ein sportlich geschnittenes braunes Sakko. Das kastanienbraune Haar flatterte im Reitwind. Auf dem Kopf trug sie eine kleine, schwarze Kappe. Sie ritt über eine große Wiese, lenkte das Pferd zu einer schmalen Holzbrücke und galoppierte auf die Wälder im Norden zu. Die Morgenluft schmeckte nach Tau und war vom würzigen Duft von Moos und Waldbeeren erfüllt.
Camela zügelte den Hengst und lenkte ihn im Trab zwischen den mächtigen Weiden, Akazien und Kastanien hindurch. Das Hufgeräusch wurde fast völlig vom weichen Waldboden geschluckt.
Camela bemerkte die Gestalt nicht, die sich hinter einigen mächtigen Schlehensträuchern verbarg und auf sie lauerte. In den dichten Schatten des Laubwaldes war er kaum zu erkennen, solange er sich nicht rührte. Er sah, wie die junge Frau in eine kleine Schlucht hineinritt, die sich zwischen schlanken Pappeln, Birken und Buchen hinzog. Jetzt befand sich die Reiterin auf gleicher Höhe mit ihm. Er schnellte mit raschelndem Geräusch hoch wobei er Moos, verrottetes Laub und morsches Unterholz in die Höhe schleuderte. Das Pferd scheute und bäumte sich mit schrillem Wiehern auf. Camela klammerte sich an der Mähne fest und schwankte im Sattel. Sie rutschte zur Seite. Für einen Moment sah es aus, als würde sie abgeworfen werden. Sie konnte sich halten, doch das Pferd jagte in wildem Galopp davon. Die junge Frau hing schräg auf seinem Rücken und versuchte, den Lauf des Hengstes zu stoppen, doch es gelang ihr nicht. Das Pferd preschte durch das Unterholz. Es galoppierte durch Strauchwerk und Dornengestrüpp. Camela schrie. Noch immer konnte sie sich fest halten, aber schon war ihr linker Fuß aus dem Steigbügel gerutscht, und sie musste sich am Pferdehals festklammern, während sie auf dem Rücken des Hengstes auf und ab geschleudert wurde. Tiefhängende Zweige und Äste streiften gefährlich über sie ihn weg, prellten schmerzhaft ihr zartes Gesicht und rissen ihre Reitkappe vom Kopf. Einmal drohte die Gefahr, dass sie von einem Ast aus dem Sattel gerammt werden würde. Dann aber öffnete sich der Wald unvermittelt, aber das sollte ihren Schrecken keinen Einhalt gebieten.
Vor ihr lag die finstere, schwarze Burg des Höllengrafen Graf Van Samunel.
Die Gestalt schwang sich auf seinen schwarzen, Untoten Hengst und ritt der Reiterin nach.
Die Gestalt war ganz in Schwarz gekleidet. Es war der dunkle Graf Samunel. Vom Kopf hat man nichts gesehen. Er hatte eine Kapuze darüber, oder etwas Ähnliches. Im schnellen Galopp hatte er die junge Frau eingeholt und sah, dass sie ihren Hengst zum Stehen gebracht hatte. Sie holte tief Luft und wollte wieder zurück reiten, aber da sah sie auf einmal die grauenvolle Gestalt, die auf sie zukam. Er streckte seine Hand in die Höhe und sie sah, dass er eine Sichel darin hielt. Sie glänzte im Morgenlicht. Er holte weit aus und schlug zu. Er hatte getroffen, die Sichel steckte in ihrer Brust und das Blut quoll wie eine Fontäne heraus.
Zwei Silberkugeln durchzogen die Luft und trafen das Wesen, welches sich in seinen schwarzen Umhang ein geschlungen hatte. Es schrie vor Schmerzen. Die Einschusslöcher dampften regelrecht. Der dunkle Satansreiter fuhr herum und löste sich in einen schwarzen Dunst auf.
Der Mann, der mit seinem Gewehr weit entfernt auf einer Anhöhe stand, war der Priester von Fandulena, der von der Katholischen Kirche den Auftrag bekommen hatte, die Menschen dieses Dorfes zu schützen.
Mit schnellen Schritten hatte er die Reiterin erreicht, doch er kam nicht dazu, ihr zu helfen. Hinter ihm hatte sich der Satansreiter aufgebaut. Geschützt durch die Macht Luzifer hatte er sich vollständig regeniert. Der Satansreiter griff nach seinem Schwert und schlug dem Priester mit einem Schlag den Kopf von Rumpf. Der Priester schrie ein letztes Mal, dann trennte sich seine Seele vom Körper und stieg hinauf in dem Himmel. Camela hingegen hatte sich aufrichten können und war dem Satansreiter entkommen. Ich fand sie in meinem Garten, weinend und zerstreut. Sie erzählte mir die Geschichte unter Tränen, während ich ihre Wunde auswusch und säuberte. Meine Familie und ich leben seit Jahren an diesem Berghang, denn die Menschen verachten mich und meine Familie seid je her, denn ich war einst der Diener des Letzten Van Samunel.
Die Luft war kühl an diesem Abend. Leichte Nebelschwaden waren aufgezogen. Die Bäume bogen sich im Abendwind. Der Vollmond strahlte entzückend auf das kleine Dorf Fandulena nieder und spiegelte sich in einem kleinen See. Der Tau tröpfelte von dem Blättern der Bäume herunter. Eine Eule gurrte und lag auf der Lauer nach Beute. Der kleine Bach neben meinem Haus plätscherte vor sich hin, als ich auf meiner Terrasse saß und wusste was in dieser Nacht erneut geschehen würde. Das Licht im Turm der Burg Van Samunel leuchtete wieder.
Einst war ich auch der Diener des Grafen Van Samunel gewesen. Ich kannte natürlich das Grauen, das von meinem ehemaligen Herrn ausging. Ich fing an, die Geschehnisse dieser Nächte aufzuschreiben. Auch diese stammt aus einer verlässlichen Quelle. Eine Geschichte, die der Satan persönlich geschrieben haben könnte.
Während von der Küche her der verlockende Duft von frischem Kaffee und brutzelndem Frühstückspeck zu ihm drang, wusch und rasierte er sich. „Mach schon, Manuel, du kommst noch zu spät“, rief ihm seine Schwester durch die verschlossene Badezimmertür zu.
Seine Schwester hatte ihn, wie an jedem Wochentag, unlieb geweckt. Als er daran dachte, dass er gleich zur Nachtschicht in den Hafen musste, bekam er sichtlich schlechte Laune, aber er war auch überzeugt davon, dass seine Schwester Recht hatte, was ihm ein wenig unlieb war. Ohne ihre ständige Nörgelei würde er wohl noch faul im Bett liegen und schon wieder zu spät kommen. Doch jetzt war er ja wach und endlich aufgestanden.
Er war erst vor kurzem nach Fandulena gezogen, nachdem er hier Arbeit gefunden hatte. Übergangsweise wohnte er bei seiner Schwester. Ohne zu zögern, ging er auf die Treppe zu und stieg nach unten. Seine Hündin Ricane, die mit ihm im Bett geschlafen hatte, folgte ihm rasch. Sie wedelte schon aufgeregt mit dem Schwanz. Langsam besserte sich seine Laune als er die Küche erreichte. Er machte sich nicht erst die Mühe anzuklopfen. Es hätte auch nichts genützt, denn als er die Tür aufdrückte, lag der Raum leer vor ihm.
,,Nanu!“ stieß Manuel Mundala verblüfft hervor und warf einen scharfen Blick durch die leere Küche. Er war sich doch sicher gewesen, dass seine Schwester dort gewesen war!
Vielleicht ist sie schon längst nach draußen gegangen zum Wäsche aufhängen, dachte er sich.
Manuel durchquerte die Küche und drückte die Klinke der Tür hinunter, die nach draußen führte. Die kühle Abendluft wehte herein. Der Vollmond war bei dieser schlechten Witterung schwerlich zu erkennen: Ein leichter Nebelschleier hing über dem Garten. Links von ihm lagen die Ställe. Manuel konnte ein Pferd unruhig scharren hören, aber von seiner Schwester war keine Spur zu sehen. Es war, als hätte sich der Boden geöffnet und sie verschluckt.
Vom Meer her dröhnte der Warnlaut eines Nebelhorns. Das scharren wurde lauter. Jetzt konnte er auch ein Pferdewiehern hören. Seine Hündin, die ihm nach draußen gefolgt war, fing energisch an zu bellen, als sich eine Gestalt auf einem Pferd im vollen Galopp näherte.
Es schien, als hätte seine Hündin die Witterung des Bösen aufgenommen. Bald konnte Manuel die Gestalt erkennen. Aber er glaubte nicht was, er sah: Ein knöchriges Skelett steckte in einer schwarzen, nach Fäule und Moder riechenden Ritterrüstung. Auf dem Rücken trug er den Fetzen eines Umhangs, der im Wind wild hin und her flatterte. Das Pferd war halb tot und halb von schwarzem Fell überzogen. Es kam darauf an, wie das Mondlicht vom Himmel fiel und den Hengst anleuchtete. Er rieb sich die Augen. Aber nichts änderte sich. Seine Augen hatten ihm keinen Streich gespielt. Und er sah noch etwas. Vor sich, auf dem Untoten Pferd, zappelte und schrie ein Mädchen voller Panik. Es war seine Schwester Camela Mundala. Da war ihm auch auf einmal klar, wer das auf dem skelettierten Pferd war, weil Camela ihm irgendwann einmal die ganze Geschichte von damals im Wald erzählt hatte. Es war der dunkle Graf Samunel. Manuel hatte die Geschichten von seiner Schwester immer als Märchen abgetan. Doch jetzt erfuhr er auf schreckliche Weise, dass die Geschichten alle wahr waren.
Auch wenn die Haut des dunklen Grafen Van Samunel bereits am Verwesen war, hingen noch einige Überreste seiner abgestorbenen Haut am Skelett. Er war es den Manuel unter dem Namen Satansreiter aus den Geschichten seiner Schwester kannte.
Noch eine, zwei, oder drei Sekunden, dann hatte der Satansreiter Manuel erreicht. Es blieb ihm keine Zeit, lange nach einer Lösung zu forschen. Manuel sah mehrere spitze Holzbohlen, die er einen Tag zuvor vom Dachboden geholt hatte, um sie zu reparieren und ging nun mit ihnen auf das Untote Pferd los. Das Pferd wieherte und stellte sich auf.
Der Satansreiter fiel mit einem riesigen Gebrüll aus dem Sattel, zu Boden. Camela fiel ebenfalls, doch Manuel konnte sie noch rechtzeitig auffangen. „ Schnell, Camela, versteck dich“, schrie er sie an. Aber das sollte ihr auch nichts mehr nutzen! Der Satansreiter richtete sich auf und griff nach seiner Keule, die er an seinem schwarzen Hosenbund trug.
Das Bellen der Hündin war inzwischen lauter geworden. „Ricane, fass“, brüllte Manuel, doch die liebevolle Hündin bellte die ganze Zeit nur, ohne die Gestalt anzugreifen.
In dem Moment, als die Eule von einem Baum flog und ein Nagetier als Beute fing, schlug der Satansreiter zu. Er hatte getroffen, aber nicht, wie er dachte. Die Keule traf Manuels rechten Unterarm. Durch den Schlag hatte Manuel sich den Arm gebrochen. Die großen Schmerzen ließen seine restlichen Körperempfindungen erblassen. Mit einem Handgriff konnte er dem Horroreiter die Keule aus der Hand schlagen. Doch das sollte ihn nur kurzzeitig retten. Der dunkle Graf Samunel griff gleich darauf nach seiner Axt, die er auch an seinem Hosenbund befestigt hatte und schlug dann unaufhörlich auf Manuel ein, der sich immer wieder mit Hilfe verschiedener Holzbalken verteidigen konnte.
Nach etwa zwei Minuten trat eine überraschende Wende ein. Manuel hatte keine Holzbalken mehr, um sich zu verteidigen. Camela erkannte, in welcher schrecklichen Situation ihr Bruder war und kam ihm zu Hilfe. Sie sprang dem Satansreiter auf den Rücken und schlug immer wieder auf ihn ein. Der dunkle Graf wirbelte herum und streckte Camela mit einem Faustschlag zu Boden. Flehend hockte sie auf dem Boden und sprach: „Bitte verschonen Sie meinen Bruder. Ich werde Ihnen freiwillig auf Ihre Burg folgen, wenn Sie ihn verschonen.“
Darauf hin ließ der Satansreiter von Manuel ab, griff nach Camela und verschwand auf seinem Untoten Pferd in die Dunkelheit der Nacht, um sie auf seiner Burg in grauenvollen Ritualen den Fürsten der Hölle zu opfern. Manuel jedoch war gerettet.
Ich fand Manuel in dem kleinen Garten liegend. Neben ihm im Grass lag seine Hündin Ricane. Die Eule hatte langsam das kleine Nagetier verdaut, als er mir von seinen Erlebnissen berichtete. Der Nebelschleier hatte sich komplett gelichtet und gab nun vollständig die Sicht auf dem Vollmond frei. Mir kam in diesem Moment der Gedanke Manuel von dem Geheimnis des Satansreiters zu erzählen, von dem ich wusste. Ich erzählte ihm von dem Schädel, und dass es das einzige war, was seine Schwester noch vor einem grauenvollen Tod retten konnte. Aber er müsste sich beeilen, denn wie auch der Satansreiter, erscheint auch sein Schädel nur bei Vollmond. Er versprach mir, den Schädel zu finden und seine Schwester zu befreien. Ich habe ihn jedoch nie mehr gesehen, er blieb für immer verschwunden…
Es hatte gerade Mitternacht geschlagen. Die silberne Scheibe des Vollmondes stand hoch über der Burg. Schwarze Krähen hackten die Überreste von Menschenfleisch von dem Leichen, die vor der Zugbrücke auf gepfählt worden waren. Eine Krähe hackte mit ihrem scharfen Schnabel ein Auge aus einem der Totenschädel. Es fing an zu regnen. Der leichte Nieselregen tröpfelte durch eine kleine Spalte im Dach der Burg. Die ersten Tropfen perlten auf Camela Mundalas Gesicht. Das Mädchen lag an Händen und Füßen gefesselt auf dem Boden, ihr Herz schlug wie wild. Sie war verschwitzt und schmutzig, und sie hatte Angst. Die Fesseln an den Gelenken schmerzten. Ihr schwarzes Kleid war zerrissen, das Haar hing ihr strähnig ins Gesicht. Das verrottete Dach der Burg drohte einzustürzen. Krachend fielen Pfannen vom Dach. Feiner leichter Staub rieselte aufs Camelas wundervollen prächtigen Busen herab.
Im Kerker hinter sich hörte sie den dunklen Grafen Samunel. Sie sah, dass der Graf mit Folterwerkzeug hantierte, und die Furcht kroch durch ihre Glieder.
„Tu das nicht!“, schrie sie, als er mit einem heiß gemachten glühenden Metallstab vor ihr herum fuchtelte.
„Was willst du von mir?“, fragte sie mit vor Schreck geweiteten Augen.
Die Gestalt antwortete nicht. Aus den halb verfallenen Mauern der ehemaligen Burg Van Samunel, die von Unkraut und mächtigem Strauchwerk überwuchert war, stießen laute, kräftige, weibliche Schreie hervor.
Manuel schob eine Zigarette in eine silberne Spitze, klemmte sie sich zwischen die Zähne und zündete sie an. Nachdenklich sah er aus dem geöffneten Küchenfenster. Der Vollmond erhellte die Stille dunkle Nacht. Sie wurde nur von verschiedenen dumpfen Schreien unterbrochen. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken, als er die Schreie seiner Schwester erkannte. Er schaute weiter über die düstere Landschaft, welche durch das bleiche Mondlicht harte und drohende Konturen bekam, hinauf zur Burg Samunel. Das Licht der Burg glitzerte wie ein silbernes Band. Er machte sich die größten Vorwürfe: „Wieso musste ich mich auch über Camelas Geschichten über den grauenvollen Satansreiter lustig machen“? murmelte Manuel. Er nahm einen tiefen Sog von seiner Zigarettenkippe. Unvermittelt drehte er sich um: „Erzählen Sie mir mehr über den Grafen Van Samunel“, sprach er dann zu mir. Dann trat er zum Kamin und schenkte sich einen Sherry ein, wobei er mir aufmerksam zu hörte. Danach machte sich Manuel Mundala auf, seine Schwester aus den Händen des grauenvollen Satansreiters zu retten. Er lief durch einen dicht gewachsenen Wald.
Seine Kleidung war komplett durchnässt. Seine Hündin hatte er bei mir zurück gelassen.
Sie hätte ihn nur durch ihr Bellen verraten.
Manuel wollte sich lautlos an die Burg heranschleichen und in die unterirdische Gruft der Van Samunels gelangen.
Auf der Rückseite der schwarzen Burg lag ein Geheimgang versteckt. Er hatte schon bald den Eingang des Grauens erreicht.
Unweit des zum Teil eingestürzten Daches hatte sich der Steinfußboden aufgetan und einen Teil des Eingangs verschüttet. Noch schwebte dichter Staub über dem Eingang. Dennoch sah man auf den ersten Blick, dass sich hier einmal eine intakte Treppe befunden haben musste. Darunter waren alte Sarkophage zu erkennen. Die Familiengruft der Familie Van Samunel befand sich hier unten. Durch eine große Staubwolke drang Manuel Mundala in die Ruine ein. Geborstene Sparren und Balken ragten ihm entgegen.
Mit seinen Armen wischte er den Staub zur Seite. Er stieg vorsichtig die teilweise geborstenen Stufen hinunter. Manuel zögerte einen Moment, als von der Decke Staub herunter rieselte. Neben den Särgen blieb er stehen.
Vorhin stand das Höllenpferd an einem Gestell angebunden. Die Silhouette des Höllenpferdes spiegelte sich in der Pfütze vor ihm auf dem Fußboden.
Es schien als ob Säure das Pferd von seinem Fleisch befreit hatte. Weiße Mäuse krochen aus den Augenhöhlen und quiekten ganz fürchterlich. Es roch nach Schimmelpilzen und verfaultem Fleisch. Übel riechendes Wasser quoll durch die Risse der Gruftmauer hervor.
Gerade als Manuel am Pferd vorbei springen wollte, wurde es wieder lebendig.
Das Höllenpferd biss Manuel mit seinen scharfen, langen Reißzähnen ins Handgelenk. Manuel schrie vor Schmerzen. Er versuchte sich zu befreien. Plötzlich erloschen auf einmal die Schmerzen, als das Pferd von seinem Handgelenk wieder los gelassen hatte. Manuel fiel zu Boden. Er war tot.
Das Echo der Schreie seiner Schwester war die ganze Nacht in unserem kleinen Dorf Fandulena weiter zu hören. Ricane bellte die ganze Nacht den Mond an, bis zum nächsten Morgen.
Als die ersten Lichtstrahlen der Sonne meine Fensterscheiben trafen, wusste ich, dass Manuel seine Schwester nicht aus den Fängen des schwarzen Satansreiters hatte befreien können. Ich würde mich in der nächsten Vollmondnacht selber aufmachen müssen, dem Schrecken ein für alle mal Einhalt zu gebieten…
Aber ich wusste, ohne den Schädel hätte ich keine Chance. Das Beschwörungsbuch, das wir beim Exorzismus des Grafen Van Samunel benutzt hatten und das ihn versehentlich in einen Untoten verwandelt hatte, war verschwunden. Der verstorbene Dorfpriester hatte den Schädel nach dem fehlgeschlagenen Exorzismus verstecken können, an einem grauenhaften, nach Moder und Fäulnis riechenden Ort. Es gab kein Leben an jenem Ort und der Tod war dort allgegenwärtig. Der Satan sollte schon bald ein neues Mitglied in seinem Reihen begrüßen können, denn ich machte mich auf, um diesen Ort zu suchen…
Es war eine klirrend kalte Nacht und die Luft war an diesem Abend kristallklar.
Am Himmel funkelten die Sterne wie Diamanten. Der Vollmond streute silbriges Licht auf dem St. Albert Friedhof in Fandulena. Leise rauschte der Wind in den hohen Wipfeln der Ulmen und Eichen.
Hier und da standen weiße und graue Grabsteine, die die unzähligen Gräber kennzeichneten. An ihnen waren reglose Teufelsteinfiguren aus Marmor und Granit angebracht.
Die Grabsteinfassungen waren bemoost und teilweise von wildem Wein und Efeu überwachsen.
Von fauliger Dunkelheit umschlossen, lag der ältere Teil des Friedhofes einsam da.
Hier befanden sich die Gruftanlagen der großen Familiengräber, die tief unter der Erde verborgen lagen.
Diese massiven, von weiß-grünen Schimmel überwucherten Mauern stanken nach Fäulnis und Moder.
Die übel riechende Luft war von tödlichen Mikroorganismen besiedelt und hätte jedem normalen Lebewesen den Tod auf schnellen Schwingen gebracht.
Nicht einmal Ungeziefer konnte an diesem Ort existieren, geschweige denn hier nach Nahrung suchen.
Es war ein Friedhof, der umhüllt war von der Finsternis. Ein Ort des Bösen und er verbarg ein schreckliches Geheimnis...
Am Eingang des Friedhofes traf ich den alten Friedhofswächter, mit dem ich mich verabredet hatte. Er hieß Marcus und war ein älterer Mann mit grauen, kurzen Haaren, braunen Augen und einem Ziegenbart. Ich zeigte ihm die richtige Gruft. Dann zog er den wuchtigen Schlüssel aus seiner Hosentasche, als wir die mit einem Kreuz versehene Stahltür erreichten, hinter der sich die Gruft befand. Er schob den Schlüssel ins Schloss. Eine Stille, die die Nähe des Todes ausstrahlte, erfasste uns beide. Der Schlüssel ließ sich schwer drehen. Er rüttelte ein paar Mal mit dem Schlüssel am Schloß. Endlich sprang die Tür auf. Eine düstere Treppe war zu sehen. Gemeinsam schritten wir mit einer brennen Laterne, die wir vorher mitgenommen hatten, eine schmale Steintreppe hinunter. Wir kamen in einen kleinen dunklen, muffig stinkenden Raum.
Dennoch konnte das Licht, das von der Laterne ausgestrahlt wurde, den Raum kaum erhellen.
Das Böse umgab uns.
Wir setzten unsere Atemmasken auf und schritten dann einen schmalen, schimmligen Gang entlang, der zu einem Kuppelbau führte. Marcus war der erste, der mutig mehrere Schritte in die Gruft machte. Ich zeigte auf einen Steinsarg, der tief vergraben lag.
Ich versuchte, die Steinplatte des Sarges zur Seite zu drücken. Ich schaffte es nicht allein.
Der Friedhofswächter kam mir zu Hilfe. Gemeinsam schafften wir es dann.
Eine riesige Staubwolke türmte sich auf. Als sich die Wolke gelegt hatte, kam ein riesiger Schädel mit scharfen Eckzähnen zum Vorschein. Wir nahmen trotz der gefährlichen Mikroorganismen unsere Atemmasken ab, weil wir den Schädel besser sehen wollten.
Im diesem Augenblick fing es an. Marcus schlug mir eine alte Holzbohle über den Kopf, die er am Boden gefunden hatte. Mir wurde sofort schwindelig und ich fiel, mit einem entsetzlichen, unmenschlichen Schrei, zu Boden. Dann wurde die Welt um mich herum ganz schwarz. Hatte der Herr der Finsternis den Friedhofswärter zu seinem Sklaven gemacht und dem Höllengrafen einen neuen Diener an seine Seite gestellt? Ich weiß es nicht. Jedenfalls brachte er seinem Herrn den Schädel. Mich hingegen umhüllte die tödliche ewige Stille und trug mein Bewusstsein mit sich fort.
Erst das Licht der aufgehenden Sonne, das durch ein geöffnetes Fenster schien, weckte mein Bewusstsein aus seinem Schlaf.
Langsam öffnete ich meine Augen. Das grelle Licht blendete mich, aber ich gewöhnte mich langsam an diesen Zustand. Jetzt konnte ich eine Gestalt erkennen - erschreckend dünn, beinahe schon ausgemergelt, aber menschlich, was mich in gewissem Maße beruhigte.
Auch sie trug eine Atemmaske, die sie aber gleichfalls in der Kuppel absetzte. Die Gestalt war ein Mönch. Seine Haut war ausgebleicht und leicht aufgerissen, und obwohl er so extrem dürr war, zeigten sich beängstigender Weise nicht die Umrisse seiner Knochen durch sein Fleisch hindurch. Gekleidet war der Mönch mit einer Kutte, die durch Dreck beschmutzt war.
„Wo bin ich?“, fragte ich den Mönch, orientierungslos.
"Mein Herr, Sie sind auf dem Friedhof", antwortete er und sah mich so durchdringend an, dass ich schon bald meinen Blick von ihm abwenden musste.
Jetzt erinnere ich mich wieder, aber wo der Friedhofswächter war, wusste ich nicht?
Der Mönch, der mich fand, war ein älterer grauhaariger Mann mit einem langen weißen Vollbart. Mit einem Ausdruck des Entsetzens blickte er in mein Gesicht. Auch ich bekam einen Schock, als ich in einer Wasserpfütze mein Spiegelbild erkannte. Mein Gesicht war blutüberströmt. Unter dem blutigen Schleier traten sich tiefe Wunden hervor. Ich wusste nicht mehr genau, ob es Blut war, die sich mit meinen Tränen mischten, die über meine Wangen kullerten, aber mir war klar, dass mein Gesicht schrecklich aussah.
Der Mönch hielt mir mit seinem weißen, mehr einem Fetzen ähnelnden Taschentuch, die Verletzungen zu. Er presste es so stark auf die Wunden, dass sich das Tuch rot verfärbte.
Sein Name war Darius Linonius und er wollte mich in meinem Kampf gegen den schwarzen Satansreiter unterstützen.
„Sie haben mein Leben gerettet. Woher wussten Sie denn, dass ich hier unten bin?“ fragte ich ihm.
Als er mir seine Geschichte erzählte, schleppte er mich nach draußen.
„Der Dorfpfarrer hatte mir die Geschichte des Exorzismus erzählt, und mir das Beschwörungsbuch anvertraut. Ich wollte Sie aufsuchen um sie um Hilfe zu bitten.“
„Als ich bei ihm zu Hause war, sagte mir Ihre Frau, dass Sie auf den Friedhof sind und das hier war die einzige Gruft, die offen war.“
Als wir so miteinander redeten, hatten wir die Eingangstür der Gruft erreicht. Ich war erleichtert, denn endlich hatte ich jemanden gefunden, der den Satansreiter erledigen konnte. Ich staunte nicht schlecht, als ich zur geöffneten Tür starrte. Der Satansreiter saß auf seinem Pferd, hatte sich vor der Gruft aufgebaut. Er trug wieder seinen Kopf auf seinem Rumpf und hatte seine Macht damit ins Unermessliche gesteigert. Neben ihm stand sein neuer Diener.
Nun ist es noch schwerer geworden den Satansreiter zu vernichten, dachte ich laut vor mir hin. Doch der Mönch der neben mir stand, war fest entschlossen, das Ritual zu beenden.
Doch er sollte die Vernichtung des Satansreiters nicht mehr erleben…
Die tief schwarzen Wolken, die plötzlich aufgezogen waren, verdunkelten das strahle Mondlicht und machten den Friedhof finster.
Seit wenigen Minuten fielen leichte Schneeflocken vom Himmel und bedeckten die Gräber der Toten, die hier ihre letzte Ruhe gefunden hatten.
Unsere Kleidung tropfte vor Nässe, als wir aus der Gruftanlage humpelten.
Am Waldesrand hatte sich der schwarze Satansreiter mit seinem Diener aufgebaut.
Er beobachtete uns nur. Keine Regung ging von ihm und seinem Diener aus. Nicht einmal das Pferd hievte.
In der Ferne erkannte ich die große Pforte der Kapelle, die zum Teil zerfallen war.
Die braunen Fensterläden waren geschlossen. Ein paar schwarze Raben flatterten erschrocken krächzend hoch, als sich der Wind in der Spitze der Ehrwürdigen Kapelle brach. Oder ahnten sie welches Grauen auf uns lauerte? Darius Linonius war ein Mönch und er hatte das Beschwörungsbuch, welches wir bei dem Exorzismus des Grafen Van Samunel benutzt hatten. Uns war klar, wenn wir erst in der Kapelle waren, hatten wir genügend Zeit das Ritual zu beenden, da man sich gut in ihr verstecken könnte. Wir schritten auf die Kapelle zu.
Aus der Nähe war die Verwahrlosung noch deutlicher zu erkennen. Das Vermögen der Kirchengemeinde war schon längst zusammengeschrumpft und es war nicht genügend Geld da, um auch nur die dringendsten Reparaturen durchführen zu können. Wir staunten nicht schlecht, dass uns der Untote Graf solange gewähren ließ. Ich hatte schon fast die Pforte der Kapelle erreicht. Vielleicht wollte er uns im trügerischen Schein der Sicherheit wiegen, so ging es mir durch den Kopf. Aber ich wusste nicht, was ihn dazu brachte so lange zu warten. Schließlich, als ich den ersten Schritt durch die Pforte machte, galoppierte er mit seinem Untoten Pferd auf uns zu.
Ich schrie Darius zu, “ Beeile dich, sonst erwischt er dich.“
Unter seinem Umhang zog er eine Sichel hervor und wirbelte sie in der Luft, so schnell, dass man das Pfeifen des Luftzuges noch von Weitem vernahm. Mit einem riesigen Satz hatten wir im letzten Moment die Pforte erreicht. Ich betete, dass sie auch offen war. Ich drückte den schweren Messinggriff der Eichenpforte herunter. Wir hatten Glück!!! Die Pforte öffnete sich.
Die Sichel streifte um Haaresbreite Darius Hinterhaupt und blieb zitternd in der Eichenpforte stecken. Das Pferd des Grafen hievte und stellte sich auf. Er zog eine andere Waffe unter seinem Umhang hervor. Es war ein riesiges Schwert. Ich wunderte mich noch, wie so eine Waffe unter dem Mantel passte, als Darius die Pforte zuschlug.
Dann schrie er: „Schnell wir müssen mit dem Ritual beginnen.“
Ich nickte und öffnete das Beschwörungsbuch. Feiner Staub rieselte von der Decke. Die alte Kapelle knackte und knirschte. Wir sprachen gerade gemeinsam die heiligen Beschwörungsformeln aus, um den Untoten Grafen endlich den gar auszumachen, als plötzlich mit einem Schwung die schwere Eichenpforte aufflog. Es war der Diener gewesen, durch den die Kraft Satans floss. Diese Macht öffnete die Pforte.
Wir wurden von der Druckwelle in den hinteren Bereich der Kapelle geschleudert und blieben dort einen Moment reglos liegen.
Darius brüllte so laut wie er konnte den letzten Satz der Beschwörung. Doch seine Stimme verhallte an den Zwischenwänden und blieb damit ungehört. Die Mächte des Guten, was dem Buch anhaftete, konnten ihn nicht hören. Das kostete dem Mönch sein Leben. Er hörte auf zu atmen, als der Satansreiter mit dem Schwert seinen Schädel spaltete. Auch mir war dieses Schicksal zugedacht. Der Diener packte mich mit seiner linken Hand und würgte mir die Luft ab. Er hielt mich vor dem Grafen, der sich bereit gemacht hatte einen weiteren Schlag auszuführen. Meine Schultermuskeln schmerzten und zitterten, aber endlich konnte ich mich mit einen Schlag in die Weichteile meines Würgers befreien.
Er ließ mich los und der Schlag, der für mich gedacht war, wurde dem Diener zum Verhängnis. Noch bei dem Versuch das Schwert aus dem Kopf seines Dieners zu ziehen, zerfiel dieser zu Staub. Satan hatte einen seiner Diener verloren. Erschöpft rang ich nach Atem. Etwa zwei Meter entfernt lag das Beschwörungsbuch aufgeschlagen. Ich robbte langsam darauf zu. Der Graf erkannte mein Vorhaben und holte zu einem weiteren Schlag aus. Ich konnte das Buch nicht mehr erreichen. Das Schwert durchbohrte meinen Rücken. In diesem Moment gab der Boden der alten ehrwürdigen Kapelle nach und verschlang den Höhlengrafen, der so viel Leid über unser Dorf gebracht hatte. Bevor die Kapelle einstürzte, konnte ich schwer verletzt, mit dem Buch in meinen Händen, entkommen. Ich war so froh, vor dem Grafen geflohen zu sein und ihn in sein nasses Grab gelegt zu haben. Doch meine Freude fand ein schnelles Ende.
Vor mir baute sich in einem schwarzen Rauch der schwarze Satansreiter wieder auf.
Er schlug mir mit voller Wucht das Buch aus den Händen und setzte zu einem letzten Hieb an, als ich in einem Anflug von geistiger Verwirrung eine Idee entwickelte. Vielleicht war der Satansreiter mit seinen eigenen Waffen zu töten. Neben mir lag die Sichel des Grafen im Gras. Ich überlegte nicht lange und schlug zu. Aber nicht den Grafen erschlug ich, sondern sein Pferd. Mit einem unmenschlichen Schrei, was nicht von dieser Welt zu kommen schien, vergingen beide zu Staub. Nur ihre Skelette blieben über. Ich hatte Glück gehabt, dass meine Vermutung richtig war, dass der Graf seine übermenschliche, zentrale Kraft aus seinem Pferd bezog und ihn somit am Leben erhielt. Ich hingegen blieb auf dem Rasen liegen wo mich am nächsten Morgen die Dörfler fanden. Meine Töchter pflegten mich wieder gesund und ich schrieb das letzte Kapitel über den Satansreiter zu ende. So dachte ich. Doch ich sollte mich irren. Ich hatte den schwarzen Satansreiter zwar vernichtet und seine Knochen anschließend in seine Gruft gelegt, doch aus ihr sollte er schon bald wieder erweckt werden.
Der schwarze Satansreiter würde dann von einer anderen Generation bekämpft werden müssen. Denn ich bin seit dem Kampf gelähmt und sitze auf meiner Terrasse, am Fuße dieses Berges, in meinem Rollstuhl und sehe nach oben, zu der Burg des alten Graf Samunel.
Ich war froh, endlich blieb die Burg in Dunkeln und der Frieden würde wieder in unser Dorf einziehen. Doch als ich mich zu Bett begab und meine Nachttischlampe losch, durchhalte die Nacht wieder mit Schreien von jungen Mädchen…