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  • Hot Chip in Berlin: "Wenn von den Wänden der Schweiß tropft..."

    Nov 2 2012, 13h44

    Do., 1. Nov. – Hot Chip, Hundreds

    Was für ein Konzert! Was für Licht! .....was für eine Band!? Na "Hot Chip", der heiße... Mikrobaustein?! ...Kartoffelchip?! ...... Splitter?! .... *kurze-Reflexion-darüber-ob-Modern-Talking-eigentlich-als-Bandname-scheiße-war*...

    Die Vorband "Hundreds" begann 20:00 Uhr (leider) pünktlich und wurde von meiner Wenigkeit nur als weit entfernte Silhouette wahrgenommen: Mütze, Jacke und Schal mussten in den Gardarobenkeller; hörbereit wieder "oben" angekommen, wurde bereits das letzte, im Übrigen wunderschöne, Lied angekündigt. Offensichtlich muss man in der Columbiahalle lieber 20 Minuten vor Einlass auftauchen. So hatte ich von den "Hundreds" nicht einmal zehn Prozent wahrnehmen können, für mich waren sie also leider nur die "Tens"... aber selbst für diese kurze Zeitspanne gibt's 10 von 10 Punkten auf der 5-Punkte-Skala.

    Ein junger Dj übernahm und spielte leisen Independent-Electro, während die Rowdies und Hands die Instrumente von der "heißen Kartoffel" einstimmten. Dann und wann passten die Soundcheck-Gitarrenriffs sogar zur Musik vom Dj, geil!

    Nach einer gefühlten Ewigkeit stürmten ein paar Mitglieder zu viel auf die Bühne: Seit wann spielt Robag Wruhme denn Bass bei den "sehr warmen Mikrobausteinen"? Ich weiß nicht, ob's Gabors lange verschollener Zwillingsbruder oder eine Anomalie in Zeit und Raum war - ist ja auch egal: wie dieser bärtige Bassist im blauen Hawaihemd die ganze Breite der Bühne für seinen coolen Gitarren-Dance-Discofox-Schritt verwandte, war bombastisch mit anzusehen! Eine Drummerin komplettierte die Grundbesetzung - allerdings fand ich sie etwas ungroovend, bzw. störte mich ihre stino-auf-der-zwei-kommt-die-Snare-Snare. Etwas mehr shuffle bitte! Aber das schmälerte die Wirkung der Band auch nicht.

    Das "heiße Schiff" (für den nuschelnden Simultan-Dolmetscher!) hat nicht einfach "nur" sein neues Album zelebriert: von "coming on strong", "the warning", "made in the dark", "one life stand" und dem aktuellen "in our heads" wurde jeweils mindestens ein Track performed. Aber was heißt performed? Die Strukturen der Tracks wurden aufgebrochen, Sounds am Minimoog von Joe Goddard improvisiert und Al Doyle trommelte die Steel Drum, als hätte er nie etwas anderes getan. Alexis Taylors Stimme ist live fast noch engelsgleicher, als auf den Platten! Ständig wechselten die Mitglieder ihre Instrumente, die Percussionelemente groovten einem die Seele aus dem Leib: "don't deny your heart", "i feel better", "one life stand", "ready to the floor" uvm. wurden an Stellen verbessert, wo es gar nichts zu verbessern gibt!!!

    Kurzum kann ich zugeben: ein völlig misslungenes Konzert!!!!!!!!! :*(
    ...
    NEIN BLÖDSINN! Das war einfach nur grandios, göttlich, geil! 3 Gs für die Männer der "unkalten Kartoffel", ganz großes Kino! So manche Band rotzt einfach das neue Album runter, spielt zwei alte Hits und serviert eine Zugabe. Hier war das Gegenteil der Fall: eine völlig unerwartete und deshalb umso überzeugendere Auswahl an Tracks überzeugte die gut gefüllte Columbiahalle. Einfach gigantomanisch, um das vierte G einzuführen.... "Völker der Welt, schaut auf diese Stadt", und sei es nur, um uns für diesen glorreichen (fünftes G!) Abend zu beneiden. Nach einer Stunde verließen sie die Bühne, um anschließend noch vier (oder fünf) Zugaben zu spielen, einfach toll!

    Also verpasst die nächsten Gelegenheiten nicht und feiert mit HOT CHIP, den hottesten Chips die es jemals gab! <3

    "over and over" and out
    ß

    In Our Heads
  • "Geschmackssache": One pig im Centraltheater - eher Kunstperformance als Musik!

    Fev 6 2012, 19h44

    So., 5. Feb. – Matthew Herbert pres. One Pig

    Drei Jahre nach dem legendären Bigbandabend im Centraltheater kehrte Matthew Herbert zurück nach Leipzig. Matthew muss dieser Abend wohl auch etwas zugesagt haben, denn er betitelte einen Song auf dem Album "One One" mit "Leipzig". Welch Adelung!

    Thematisch wurde uns der dritte Teil der "One"-Trilogie vorgeführt. Der dritte Teil "One Pig" ist, wie der Vorgänger "One Club", eher eine akustische Dokumentation, als ein Musikalbum. Matthew nahm für das Album die Geräusche eines Schweines auf. Wie banal!
    Allerdings ging er nicht mal eben mit dem Field-Recorder bewaffnet zur Schweinefarm, sondern er lebte auf selbiger und zeichnete von der Geburt bis zum Tode ALLE Geräusche auf. Naja, wenn ich ehrlich sein soll stoppte die Aufnahme nicht beim Tode: auch die Geräusche des Schlachtens, das tropfende Blut und die schneidende Knochensäge hat er "verwurstet". Jedes Sample stammt vom Schwein oder von den Menschen die bei dieser "Schweinerei" dabei waren.

    Die Quintessenz des Ganzen klingt eigentlich total kacke! Ständig hört man quiekende Ferkel oder lautes Grunzen. Ab und an gibt's einen Technobeat auf die Ohren. Aber ansonsten hört man ständig Sample-Gehacktes. Wenn meine Mutter mich das nächste Mal nach meinem Musikgeschmack fragt, dann erschrecke ich sie mit dem Album mal so richtig!

    Dies wäre also die musikalische Deutung. Aber wie gesagt: das Album ist eher Dokumentation als musikalische Darbietung. Eher Konsumkritik, als -förderung. (Kleine Nebeninformation: es gab konsequenterweise kein Merchandising!) Als "akustische Dokumentation" regt (mich) das Album weit mehr zum Denken über Fleischkosum an, als andere Thematisierungen der Lebensmittel-Konsumkritik.

    Der Auftritt war im wahrsten Sinne des Wortes "Geschmackssache", denn man konnte das Endprodukt am Ende essen! Ich vermute, dass es sich wohl um einen fernen Verwandten des Originalschweins handelte. Es wurde von einem Koch hinter den Musikern zubereitet. Ein Ventilator wirbelte den Kochduft durch den Saal. Mir wurde so richtig flau im Magen! Aber einige Zuhörer griffen gerne zu und aßen das Schwein. Auch irgendwie konsequent. Und auch irgendwie ein wenig "3D-Kino".

    Gut, hätten wir das Ende schon mal vorweggenommen. Nun zum Anfang. Umgekehrte Chronologie, ich wurde von der Performancekunst angesteckt! HILFE!

    Auf der Mitte der Bühne war ein circa 2 mal 2m großes Gehege. Links war ein kleines elektronisches Schlagzeug und eine Trommel, dahinter war ein Sample-Keyboard, rechts stand Matthew an Sampler, Kaoss Pad, Notebook und Effektgeräten, hinter ihm stand ein weiterer Sampler-Verwurster.
    So, nun ging's los. Das Gehege war kein Gehege! Die Strippen waren Midi-Controller, die Audiodateien steuerten! Offensichtlich waren das Geräusche, die aus dem echten Gehege gesamplet wurden. Grunzen, quieken, raschelndes Stroh - eben Gehegegeräusche. In Mitten des Geheges sprang ein "Musiker" wild umher und zog zum Beat passende Strippen. Das blöde Grinsen störte mich am Anfang sehr - allerdings muss man auch dieses unter dem Faktor Performancekunst sehen. Er spielte eben das Schwein! Und warum sollte ein kleines Ferkel wenige Wochen nach der Geburt nicht jauchzend-frohlockend durch den Stall grunzen und dabei "grinsen"?

    Die Anordnung der Bühnenelemente war auch interessant. Nicht Matthew war in der Mitte, sondern das Gehege, bzw. das Schwein. Matthew war wie bei den Field-Sessions stiller Beobachter, gab seinen "Band-Kollegen" kurze Anweisungen und jammte weitestgehend frei von Mimik. (Auch das war ungewohnt!) Ich verstand diese "demütige" Mimik als Reaktion auf die heftige PETA-Kritik.

    Nach 60 Minuten war das Konzert zu Ende. Die Zugabe gab es in Form der Essens-Servierung. Guten Appetit!!! Ich war nach dieser "Doku" jedenfalls keineswegs hungrig!

    Zugegebenermaßen wird das Album Vegetariern und Veganern (verständlicherweise) den Magen umdrehen. Allerdings gehören diese auch nicht zu den Adressaten des Albums! Für alle diejenigen, die sich bisher eher weniger für Lebensmittel-Konsumkritik interessierten, kann das Album oder das Konzert durchaus gewinnbringend sein!
    Alle anderen sollten die PETA vs. Matthew Herbert Kontroverse nachlesen und über die niemals endende Frage sinnieren, was als Kunst anzusehen ist....

    Matthew Herbert polarisiert auch mit diesem Konzert-Konzept!
  • Apparat, Warren Suicide & SHRUBBN!! im Centraltheater

    Nov 1 2011, 9h21

    Mo., 31. Okt. – Apparat, Warren Suicide, Shrubbn!!

    "Der sieht ja aus wie T. Raumschmiere!", dachte ich mir, als die erste Vorband mit ihrer "Performance" begann. Sehr minimalistischer Frickel-Dub-Downbeat-4-Pattern-Sound, nicht besonders originell, nicht besonders zu Ende gedacht. Zumindest zwei Menschen hatten Spaß am Sound: SHRUBBN!! selbst! Noch nie habe ich derartig viele Menschen bei einem Konzert aus dem Saal gehen sehen! Einerseits ist es schön, dass T. Raumschmiere sich musikalisch verändert hat - leider kann ich nicht von einer "Weiterentwicklung" sprechen. Die Musik klang wie reine Native-Instruments-Reaktor-Preset-Abfeierei. Laute Reaktionen am Ende des 30-minütigen Sets waren dann auch "Das geht noch besser!", worauf T. Raumschmieres Kumpane nur schüchtern "Ja, vielleicht beim nächsten Gig" erwiderte. Das fand ich dann schon wieder super selbstironisch-sympathisch. SHRUBBN gehört in die Afterhour, aber auf keinen Fall als erste Vorband zu Apparat! Ich glaube das wissen SHRUBBN!! auch selbst....

    WARREN SUICIDE waren mir noch nicht bekannt. Musikalisch lagen sie irgendwo zwischen Owen Pallett und Frittenbude. Die Streichersegmente des Cellisten und des Geigers waren eine super Ergänzung zum elektronischen Grundgerüst. Die dadaistisch sinnlosen Vocals fanden bei meiner Begleitung keine Zustimmung - ich fand sie zumindest schön anzuhören, auch wenn sich die Texte stark an dem Running Gag "war and suicide" orientierten. Das klang offensichtlich bewusst wie der Bandname. Also durften wir zuhören wie "war and peace" (Warren peace?) und andere Wortspielereien säuselnd schön gesungen wurden. Eine Bohrmaschine kam auch zum musikalischen Einsatz. Und beim letzten Lied durfte T. Raumschmiere auch noch mal auf die Bühne. Hauptsächlich, um dem Publikum einen guten Teil seiner Kimme zu zeigen, nebensächlich, um ein paar Zeilen ins Micro zu gröhlen. HOSEN HOCH, JUNGE!

    Dann kam(en) endlich APPARAT auf die Bühne. "WIR SIND APPARAT", meinte Sascha. Ja, ne, guten Tag auch, Herr Ring. Der Auftritt war solide, die Tracks sind bühnenprädestiniert, die Vocals passen super zu den Arrangements, die dubbigen Effektspielereien und Kaoss Pad Effekte gliederten sich super an die Streicher von Warren Suicide. (Die beiden Streicherianer durften auch noch mal auf die Bühne - T. Raumschmiere durfte es nicht! ;-) ) APPARAT spielte(n) nicht nur neue Sachen: "Arcadia" vom Walls-Album und "rusty nails" von Moderat wurden auch performed. Das waren für mich die musikalischen Höhepunkte.
    Vor allem der Schlagzeuger ackerte sich tüchtig ab. Die vershuffelten Apparat-Beatgerüste hat er spiiiiiiiiiitze performed. Ich hab shuffling noch nie so shuffelig live beobachten dürfen. Super! Auch die Xylophonspielereien fand ich spitze... Komisch wirkt die Gitarre um Saschas Schultern, aber das liegt wohl an der Macht der Gewohnheit.....
    Wer die dichten Soundteppiche von Apparat mag, der wird auch in Zukunft seine Freude an seinen/ihren Konzerten haben. Mir gefallen allerdings das Walls-Album und das Moderat-Album besser. APPARAT entwickelt sich weiter und man merkte auch an Saschas Kommunikation mit dem Publikum, dass es ihm sichtlich Freude bereitet, nicht alleine auf der Bühne zu stehen. Ich mag seine laptopbasierten Beatschlachten aber irgendwie lieber.
    Trotzdem gehe ich wieder hin, wenn er/sie in Leipzig spielen. Es sei denn T. Raumschmieres Kimme ist wieder dabei!!!!!!!