Bootboohook in Hannover zum zweiten. Bei der Anreise regnet es noch, auf dem Zeltplatz haben einige Obdachlose einen Baum "besetzt" und sammeln von den Zeltern Unterschriften gegen den Zeltplatz (?) und ich bin - nach dem eher intimen letzten Jahr - erstaunt wie riesig BBH '09 geworden ist.
Los geht es am Freitag Nachmittag mit The Blue Sinners auf der großen Open-Air-Bühne. Bemüht und engagiert schrummeln die Jungs ihre leider vollkommen uneigenständigen Brit-Indie-Songs. Also weiter in das klitzekleine "Mephisto" und zu den Engländern von The Sea. Sie sind die erste große Entdeckung des Festivals. Da sind ein Gitarrist und ein Schlagzeuger auf der Bühne, machen gewaltig Krach und legen eine Soundwand hin, dass man sich durchgängig umguckt nach den zehn anderen Musikern. Das ist handwerklich und vom Songwriting großes Kino, aber irgendwie auch hier und da bekannt. Beim Abrocken machen wir Ratespielchen: Wonach klingt dieser Song? Nach Rage against the Machine. Und dieser? Nach Travis. Und dieser? Ganz klar: Oasis.
Es folgt knut und die herbe frau mit der ersten Enttäuschung des Festivals. Benedikt von Wolke wurde - so Sänger Knut mit Augenzwinkern - "wegrationalisiert". Statt dessen steht eine solide Liveband auf der Bühne, die schwach anfängt, einen starken, rockigen und abwechslungsreichen Mittelteil (sehr schön: Loreen) hinlegt und gegen Ende etwas die Zügel schleifen lässt. Die ersten vier Reihen spärlich besetzt, an der Bar meilenweit Platz und als ich nach dem Konzert vor die Tür komme, blicken mich traurige Augen an: "Wir sind nicht reingekommen - angeblich überfüllt..."
Auf der großen Bühne vor halbgefülltem Gelände kommen nun die NDW-Frühhelden Fehlfarben. Eigentlich wollte ich nur kurz reinhören - nix da, nach wenigen Takten haben die Mannen um Peter Hein mich gepackt. Die alten Klassiker, z.B.
Nun also der erste Headliner Tocotronic; plötzlich ist der Platz rappelvoll, die einen stürmen nach vorne, die anderen beim ersten Geschiebe wieder nach hinten, nach zwei Songs hat sich das austariert. Tocotronic spielen ein solides Set mit ein paar Hits (Sie wollen uns erzählen), ein paar richtig alten Kamellen (Jungs, hier kommt der Masterplan) und viel vom neuen Album (leider keine Kapitulation). Dazwischen die altbekannten ellenlangen Gitarrenfeedbacks und gegen Ende die wunderbare Explosion.
An diesem Auftritt lassen sich allerdings auch die Hauptkritikpunkte an BBH '09 wunderbar festmachen. Vier sinds für mich:
1) Wahrscheinlich weil das Festival mitten in der Stadt ist, wird für die Headliner Freitag und Samstag Abend die Lautstärke deftig gedrosselt. Eigentlich nur im vorderen Drittel des Platzes ist der Sound in Ordnung, weiter hinten ist jedes Handytelefonat vom Nebenmann lauter. Ganz schlimm ist das am Samstag bei Kettcar. Hier sind dazu noch die E-Gitarren runter, das Keyboard rauf gedreht und die Hamburger Jungs können noch so rocken, sie klingen wie eine poppige Altherrenband.
2) War letztes Jahr noch ein Publikum 25-Jahre-plus so sind wir jetzt in den 16plus Regionen angekommen. Nix dagegen, aber: Ein großer Teil des Publikums interessiert sich die Bohne für Musik. Durchgängig ist man konfrontiert mit saufenden Grüppchen die durch das Publikum rempeln, Fahrräder über die Ihme-Brücke werfen, Bierflaschen auf Zelte abfeuern oder schlicht mit Lautstärke versuchen, jede Band zu übertönen.
3) Es ist zu voll!!!! Nach Tocotronic keine Chance zu VETO zu kommen, am Samstag keine Chance auf Pixie Carnation, keine Chance in normaler Zeit an Essen zu kommen und gerade im Bereich der Hallen ein reines Rumgeschiebe...
4) Irgendwer hat die Orga des Merchandising vergessen. Ich wollte nen Toco-Shirt (gabs nicht), ich wollte Fotos, The Sea Cds (gabs nicht), ich wollte nen Tapete-Records-Shirt (in Hamburg vergessen). Das war nix....
Zum Abschluss des Freitags dann im Mephisto der grandiose, wahnsinnige, rockende, umwerfende Kolkhorst. Ein Mann, eine Gitarre, ein Gerät aus dem merkwürdige Beats kommen. Eine Stunde Rock'n'Roll pur. Man blickt sich um, die eine Hälfte des Publikums guckt verzweifelt und irritiert, versucht so schnell wie möglich die Halle zu verlassen; die andere rockt sich den Hintern ab. So muss es sein.
Samstag geht es vor ein paar vereinzelten Zuschauern mit der Bigband der Uni Hannover los - bei sonnigem Wetter ein hübscher, entspannter Auftakt mit einem Solo-wütigen Trommler, das war gut.
Es folgen die hochgeschätzen Mon)tag, denen leider nur eine halbe Stunde Spielzeit gegönnt wird. Die nutzen sie für einen großartigen Auftritt, der viele mitnimmt, voller Spielfreude ist und trotz etlicher kleinerer technischer Schwierigkeiten absolut begeistert. Um 16 Uhr die paar Hundert Zuschauer zu kreischenden Zugabe-Rufen zu kriegen, schafft auch nicht jeder.
Kurzer Umbau und dann Dirk Darmstaedter, dessen ruhige, folkige Musik man mögen muss. My Girl In Paris und We Are There kommen richtig gut, anderes rutscht so durch. Zumal Kraft zu sparen ist für den Endspurt.
Der beginnt mit den Fotos. Vollgas-Deutschrock mit Hüpffaktor. Wie die Jungs
Der geht weiter mit Tele, deren neues Album mich trotz aller positiven Kritik immer noch nicht recht überzeugt - der Großteil des Programms besteht aus Stücken hieraus und so fehlt doch eine Menge. Trotzdem ein guter Gig, der seine berührenden (Ein Leben ohne dich), seine witzigen (Intergalaktische Missionen) und seine hüftbewegenden Momente (Cecile (Ich nenn dich Sissi)) hatte. Leider kommt die Band mit der Zeit überhaupt nicht hin, aber die zunehmend intensive Zeichensprache ("Aufhöööören!!!!") vom Bühnenrand war lustig anzusehen...
Zu Kettcar ist das meiste gesagt. Der Auftritt leidet an Lautstärke und Mischung, was gerade bei den Rockbrettern wie Landungsbrücken raus und dem grandiosen Graceland sehr schade ist. Dafür sind die ruhigen Stücke umso intensiver (was man dem ein oder anderen Sauf-Gröhl-Hansel im Publikum gerne mal mitteilen könnte). Das Set? Ein klassisches Festival-Best-of mit fast der kompletten ersten Scheibe und zu wenig von der neuen, dazu ein paar Mitsing-Medley Gimmicks (zum Beispiel Death Cab for Cuties Sound Of Settling). Für mich die Zugabe Balu der perfekte Abschluss des Festivals. Nach den letzten Zeilen gibt es eh nicht mehr viel zu ergänzen.
25 Euro für so ein Programm, bestes Wetter, super freundliche Volunteers. Nun noch die paar Macken beheben, die Bekloppten auf dem Zeltplatz in den Griff kriegen und endlich (!) Becks statt Einbecker ausschenken: Dann ist das perfekte Festival erfunden.