20.
Christian Fennesz & Ryuichi Sakamoto -
Cendre
Zwischen den Guitar-Drones von Christian Fennesz und den Kompositionen des japanischen Ausnahmepianisten Ryuichi Sakamoto kommt es bei deren zweiter Zusammenarbeit endlich zu dem erwarteten Meilenstein, den viele schon beim ersten Album ersehnt hatten. Hässlich tiefe Gitarrenspuren werden konterkariert von luftig leichten Klavierfiguren. Sehr passend für den Herbst.
19.
Celtic Frost -
Monotheist
Das Combackalbum bildet zugleich den letzten Sargnagel für die Metalinstitution aus der Schweiz. Dabei schaffen es die Mannen um Tom G. Warrior sich gänzlich neu zu erfinden und zu zeigen, dass der Leichnahm "Metal" noch nicht ganz verwest ist. Ohne dieses Album wäre der Durchbruch der Heerscharen von Metalbands mit Ambient-Einschlag (u.a. Wolves in the Throne Room) nie möglich gewesen. Dadurch wurde Metal kulturell endlich wieder relevant.
18.
Yeah Yeah Yeahs -
Show Your Bones
Dass die Wahl auf Show Your Bones gefallen ist, kann man als Konzessionsentscheidung werten. Alle drei Alben wären es wert, unter die besten 20 der abgelaufenen Dekade zu kommen. Fever to Tell ist räudig wild, It's Blitz poppig-tanzbar. Show Your Bones jedoch vereint alle Stärken der Band - vom glam-infizierten Rocker wie Gold Lion zu traurigen Perlen wie Way Out. Außerdem ist Karen O wohl die heißeste Rockröhre, die auf diesem Planeten wandelt.
17.
Antony & The Johnsons -
I Am a Bird Now
Wieder eine Konzessionsentscheidung. Denn The Crying Light aus diesem Jahr ist keinen Deut schlechter, als das Durchbruchsalbum von Antony Hegarty und seinen Mannen. Aber dieses Album machte Hegarty zu dem meistgefragten Künstler der letzten 10 Jahre. Er arbeitete u.a. mit Marianne Faithfull, Björk, Lou Reed und Yoko Ono zusammen und lieh seine Stimme auch dem Dance-Projekt Hercules & Love Affair.
16.
Ulver -
Blood Inside
Ein fast schon unhörbares Album. Zu viel passiert hier: Klassik wird mit Trip-Hop verbunden, orchestrale Arrangements mit Metal. Dazu Texte vom multitalent und okkultisten Julian Cope. Jedoch ist dieses Album das beste, was Ulver je veröffentlicht haben.
15.
Daft Punk -
Discovery
Ein Konzeptalbum einer Danceband? Unmöglich! Aber die verrückten Franzosen schaffen es, eine Geschichte um den Planeten Interstellar 555 zu schreiben und dabei Klassiker wie One More Time und Harder, Better, Faster, Stronger zu produzieren.
14.
The White Stripes -
White Blood Cells
Elephant war perfekter, Get Behind Me Satan ausgeflippter, Icky Thump rockiger - aber White Blood Cells ist roher, ungeschliffener. Alle Songs, knapp unter der 2 Minuten Grenze führen zu einem riesigen Zappelfaktor mit Hitpotenzial. Bestes Album dieses ungewöhnlichen Duos!
13.
Isis -
Oceanic
Post-Metal ist tot, da dürfte es kulturhistorisch keine Zweifel geben. Ob dieser Pfad des Musizierens eine Randnotiz bleibt, ist noch nicht geklärt. Solange darf man gerne zu den Klassikern des Genres greifen: Isis' Oceanic (wer es ausgefeilter mag: Panopticon), Cult of Luna's Salvation und quasi jedes Neurosisalbum. Meiner Meinung nach bildet jedoch Oceanic davon die Speerspitze, da es keine andere Band schafft, unbändige Metalriffs, riesige Melodiebögen und Konzept so zu vereinen wie hier. Allein die ersten 10 Sekunden von The Beginning and The End reichen um alle Zweifler zu überzeugen.
12.
The Mars Volta -
De-Loused in the Comatorium
Rick Rubin deutete es schon an, da gab es noch nicht einmal einen Namen für das da erscheinen sollte: "Dieses Album wird die Musikwelt verändern". Hardcore, Salsa, Prog, Pop - alles zusammen gibt das Potpourri aus dem die Musik von The Mars Volta besteht. Heute kann man der Aussage von Rick Rubin ohne zu Zögern zustimmen, muss aber anerkennen, dass es The Mars Volta danach nie mehr geschafft hatten, wie hier auf den Punkt zu musizieren. Ihnen ist die Kontrolle über ihre Einflüsse abhanden gekommen. Hoffen wir, dass irgendwann wieder Rick Rubin seine Hand an die Kompositionen der beiden Wuschelköpfe legt, sonst verkommen sie zu Belanglosigkeiten.
11.
Sigur Ros -
( )
Was soll man über ein Album schreiben, welches keinen Namen trägt? Was soll man über Stücke schreiben, die keine Titel tragen? Was soll man über Kompositionen schreiben, die in ihrer Traurigkeit keinen Anhaltspunkt bieten? Sigur Ros sind so einzigartig, dass jeder Vergleich konstruiert wirkt. Als Warnung sollte folgendes (nur im Sinn wiedergegebenes) Zitat dienen: "Müsste man dieses Album rezensieren, also eine Kaufempfehlung aussprechen, müsste man ausdrücklich davon abraten, es sei denn, man wolle sich nach dem Hören von einem Hochhaus stürzen."
10.
Burial -
Untrue
Burial ist das größte Enigma der heutigen Musikwelt. Ein DJ, dessen Konterfei man nicht kennt, der sich jeglicher Kontaktaufnahme verweigert, aber von Radiohead, über Tool bis hin zu klassischen Komponisten zu fesseln weiß und remixen darf, was Rang und Namen hat. Seine eigenen Stücke hingegen sind in tiefen Bässen, unwirklichen Geräuschen und eine düsteren Industrieanlagen-Atmosphäre verwurzelt. Wer jemals mitten in der Nacht auf den Bus gewartet hat, kann vielleicht nachvollziehen, wie dieses Album klingt.
09.
Sunn 0))) -
Monoliths & Dimensions
Dieses Album schlägt eine Brücke zwischen Black Metal, Guitar-Drones, Ambient und Modern Komposition. Allein die Gästeliste lässt erahnen, dass Sunn 0))) sich von ihren Wurzeln gelöst haben: Julian Priester (Miles Davis) spielt Trompete, Oren Ambarchi (Electronic-Künstler) lässt die Synthies knarzen, Eyvid Kang (Komponist) arrangierte die gesamte Platte und fügte einen gregorianischen Chor zu den Stücken hinzu.
08.
Spoon -
Kill the Moonlight
Das beste Indie Rock Album dieser Dekade! Zitatreich wird gerockt: Elvis Costello und John Lennon sind hier die Säulenheiligen. Zudem gibt es mit The Way We Get By die Sommerhmyne Nr. 1 - noch vor Weezers Island in the Sun.
07.
Arcade Fire -
Funeral
Ohne dieses Album hätte es die Fleet Foxes oder Bon Iver nie gegeben. Nicht, dass es vorher keinen guten Indie Folk gegeben hätte, aber die Franco-Kanadier zeigen, wie man es richtig macht. Außerdem wäre es ein Frevel, würde man diese Band nicht als wichtigste Band der Neuzeit zählen, bei der langen Liste der Bewunderern.
06.
The Strokes -
Is This It
Haut enge Jeans, Nietengürtel und abgeranzte Lederjacken waren die Uniformen der Gefolgschaft um diese New Yorker. Dass nebenbei durch dieses Album die erste Hypewelle losgetreten wurde, braucht nicht mehr näher erwähnt werden. Was man festhalten muss, ist, dass The Strokes und ihr musikalisches Talent schmerzlich vermisst werden, blickt man auf die ganzen Versuche diesen Sound zu kopieren.
05.
Tool -
Lateralus
Perfek - das war das Adjektiv der Stunde, als dieses Album das Licht der Welt erblickte. Die Songs waren komplexer, die Texte tiefgründiger, das Konzept schlüssiger als bei allen anderen Veröffentlichungen der Band. Sobald man das Anwerfen einer Maschine am Beginn von The Grudge hört entfaltet sich schon diese bestimmte Atmosphäre, welche die Songs umgeben. Eben perfekt. Nicht ganz, wie man beim Nachfolger gesehen hat: dieser ist zwar nicht so spektakulär anders (man darf gerne auch vom Selbstzitat sprechen), dafür Glänz er mit einem herrlich differenzierten Gitarrenklang, der die Kälte der Bottrillschen Produktion auf Lateralus als Makel darstehen lässt.
04.
Interpol -
Turn On The Bright Lights
Wieder New York, wieder Baustelle Retrorock. Diesmal Jedoch weniger The Beatles und Rolling Stones, als viel mehr Joy Division und Bauhaus. Unter einer meterdicken Schicht aus Reverbgitarreneffekten erheben sich Stücke zum Traumwandeln in den dunklen Gassen von New York. Viele sehen die anderen Alben als hässliche kleine Brüder des Debuts - was jedoch deren Perfektion verkennt (was der Band im Falle Our Love To Admire auch passiert). Diese Platte brachte jedoch den Stein ins Rollen und steht deswegen ganz oben auf dem Stapel der besten Platte der Dekade.
03.
Tocotronic -
Kapitulation
Es ist tatsächlich passiert. Ein deutschsprachiges Album rauscht an der internationalen Konkurrenz vorbei. Tocotronic haben mit Kapitulation ihr Meisterwerk abgeliefert. Die Texte sind herrlich verschwurbelt, die Gitarren jaulen und mit Sag Alles Ab gibt es gar einen 2 Minuten-Rocker vom Feinsten. Wer noch nie etwas mit intelligenter deutschsprachiger Musik anfangen konnte, wird hier wie immer "Studentenmüsli" rufen - alle anderen sind herzlich eingeladen den eigenen Ruin als Boot zu feiern, durch feuchtes Gras zu gehen und sich schließlich in Luft aufzulösen.
02.
Portishead -
Third
Third, ein Album, welches mit tausenden Mythen und Legenden umrankt ist - Fakt bleibt jedoch: elf Jahre nach dem letzten Studioalbum und insgesamt knapp zehn Jahre Produktionszeit vermag es dieses Album der vergangenen Dekade ihr Leitmotiv zu geben: "I'm so unsure" aus Threads. Die gesamte Atmosphäre dieser elf Stücke beschreibt eine gebrochene, zerstörte Welt: in Machine Gun fühlt man kalten Stahl auf der Haut, in Small sieht man überirdisches Geschehen, in Deep Water begegnet man vergangenen Zeiten als leierndes Gospel-Sample. Es hat nichts mehr mit der urbanen Welt aus Dummy oder dem selbstbetitelten Nachfolger zu tun, es spiegelt eine Welt voller Kriege wieder. Man mag die Platte deswegen weniger oft auflegen, wenn man es dennoch tut, wird man staunen, dass es ein solches Album überhaupt geben kann.
01.
Radiohead -
Kid A
Das Album, welches die gesamten letzten zehn Jahre in sich vereint. Jeden Stil, jeden Hakenschlag vorwegnehmen wird: Radiohead und ihr Kid A. Hier verschmelzen Indie Rock mit Electronic. Pop mit Modern Komposition, Rockkonzert und Installations-Kunst. Es ist der Urknall der modernen Popmusik, der Zeitpunkt Null. Es gibt eigentlich kein davor. Alles was heute erscheint und sich auf "davor" beruft, ist retro - alles was Kid A als direkte Referenz ausweisen kann, wird zum Zeitgeist. Es wird dekonstruiert und die einzelen Teile neu zusammen zu setzen. Das ist Bastard-Pop, DIY, Remixkultur. Wer wissen will, was die Dekade der Nullerjahre ausmacht, hört das bitte auf Kid A nach.