Fr., 16. Aug. – Highfield Festival
ursprünglich verfasst 2005.
Im Sommer 2002 rollte das Elbhochwasser von Norden über die neuen Bundesländer und überschwemmte sämtliche Dörfer und Straßen in und um Dresden und Leipzig. Und je näher das Festivalwochenende rückte, desto mehr Elbbrücken wurden geschlossen. Und wir mussten, verdammt noch mal, über die Elbe wenn wir nach Thüringen wollten. Zu unserem Glück war am Freitag die letzte befahrbare Elbbrücke die A4 bei Dresden.
Freitag, 16. August
Wir starteten früh um halb 8 von Hoyerswerda und während ich das Radio einschalte, ertönt auf Radio Fritz sogar die aktuelle
Filter-Single „
Where Do We Go From Here“ und ich wusste: Gott ist ein Rocker.
Nachdem wir ca. 3 Stunden auf der Autobahn zugebracht hatten und uns an dem riesigen Elb-Pegel bei Dresden ergötzt hatten, rollten wir voller Enthusiasmus durch die Thüringischen Highlands. Nach einiger Suche, diversen Beschilderungen denen wir gefolgt waren und ein paar Polizisten, die uns mit einer angeblichen Absage verarschen wollten, trafen wir endlich in Kranichfeld/Hohenfelden ein. Und als wir um eine riesige Kurve zuckelten, erschloss sich uns plötzlich der paradiesische Ausblick auf die Bühne, den Stausee und die Hundertscharen von kleinen Zelten, die dicht nebeneinander auf dem Campingplatz bereits aufgebaut waren.
Ein schnuckeliges Plätzchen war auch schnell gefunden und wir bauten eifrig unsere beiden Zelt-Behausungen auf. Nun wurde erstmal angegrillt um Körper und Geist auf den bevorstehenden Konzert-Marathon vorzubereiten.
Obwohl dieser erst um 14 Uhr beginnen sollte, waren wir schon so dermaßen juckig, dass wir uns bereits eine halbe Stunde vorher als erster am Einlass anstellten. Das erklärte Ziel von uns spät-pubertären Fanboys war es bei
KoЯn in der ersten Reihe zu stehen - ein Vorhaben, welches sich später als schwierig herausstellen sollte. Endlich öffneten die Securities die Eingänge und wir spurteten über das sandige Gelände bis an die Absperrung. Der Platz war noch sehr dünn besiedelt, aber das war uns schnurz, wir standen in der ersten Reihe und das sollte sich auch bis zum Headliner um Mitternacht nicht ändern - so war zumindest der Plan. Musik gab’s dann auch und die ersten Bands begannen vor dem noch sehr lichten Publikum zu spielen.
TRUSTcompany
Eine beliebige Nu-Metal/Nu Rock-Gruppe, die auch auf der laufenden
KoЯn-Tour zusammen mit
Puddle of Mudd die Vorband mimte. Hab ich wenig Erinnerung dran. Ich weiß nur, dass der Sänger ab und zu mal fett in sein Mikro geshoutet hat und seine beiden Mitstreiter am Bass und an der zweiten Gitarre im Takt auf und ab sprangen. Aber dem Publikum war wegen der frühen Urzeit und dem unspektakulären Gemucke nicht viel Bewegung zu entlocken und so spielte die Band mehr für sich selbst und rastete gemeinsam bei den Moshparts auf der Bühne aus. Vor allem der asiatische Gitarrist schmiss sich ein ums andere Mal in die Lüfte und schruppte seine Paul Reed Smith durch. Wir gewährten der Fairness halber der Band den ein oder anderen Bang aber vom Hocker riss es einen nicht. Zur Einstimmung ganz nett.
Hundred Reasons
'Ne englische Emo-Rock Kapelle mit einem barfußigen Sänger, der mit seinem zotteligen Affro leicht an Tingel Tangel-Bob aus den Simpsons erinnerte. Die Mucke war ebenfalls nach Schema F und die quäkige Stimme des Sängers war auch nicht unbedingt das, was man eine Goldkehle nennt. Beliebig bis langweillig. Der Nächste bitte.
New End Original
Dasselbe Programm wie die Band davor, vielleicht etwas ruhiger, aber die Band schien ihre Fans im Publikum zu haben und so zog man eine konsequente unspektakuläre Show durch. Der Sänger erntete nach dem Konzert noch Pluspunkte, als er an die erste Reihe herantrat, sich überschwänglich bedankte und von seinen Fans abklatschen ließ. Außerdem besorgte er uns ein paar Flaschen Wasser, als wir ihn darum baten, denn die Sonne knallte ordentlich und das Gedränge im Publikum wurde auch langsam mehr. Echt knorke, der Typ. Mit den …
Donots
…betrat dann auch die erste bekanntere, weil einheimische, Truppe die Bretter. Sänger Ingo trug heute seinen rechten Arm in Gips, weil er angeblich „
am Onanier-Contest teilgenommen“ hatte. Außerdem flachste er ohne Sprachbarrieren mit dem Publikum rum: „
Als erstes ein paar Rockstar-Sprüche: Habt ihr das neue Album schon gekauft? Findet ihr es auch so toll wie ich?“. Die Stimmung war gut und man grölte ohne Hemmungen zu den bekannten Donots Sing-a-longs wie „
Whatever Happened to the 80s“ oder „
My Hero“ mit.
Filter
Jetzt war erstmal Schluss mit Kaspermucke, denn mit Filter stand nun die erste dicke Ami-Kapelle auf dem Plan, und man ließ auch keine Gelegenheit aus, das zu zeigen. Da wurde plötzlich eine riesige Soundwand aus meterhohen Boxen auf die Bühne gefahren und ein großes Banner mit dem Filter-Logo wurde im Hintergrund gehisst. Nach etlicher Umbau-Zeit betraten dann die 4 Musiker mit einem weiteren Tour-Gitarristen die Bühne und jeder von ihnen trug Armee-Kleidung. Sogar die Gitarren waren teilweise tarnfleck-farbend. Frontsau und Filter-Kopf Richard Patrick kam natürlich als letzter auf die Bühne mit einer großen Sonnenbrille, Cowboy-Hut und Armee-Stiefeln und es ertönte als Intro eine monströse Soundcollage aus Samples, Keyboardflächen und hypnotischem Indianer-Gesang, welche als letzter Track namens „
The 4th“ auf dem aktuellen Album
The Amalgamut vertreten ist. Und aus diesem Soundgewirr rollt plötzlich eine mordsdicke Basslinie auf uns zu und leitet den ersten Song ein – „
Hey Man, Nice Shot“. Yeah! DER Filter-Song schlechthin, gleich zu Beginn. Und als nach endloser Steigerung der Refrain losbrach, gab’s für uns 5 kein Halten mehr und wir bangten synchron zu dem ohrenbetäubenden Riff-Gewitter, so dass sich sogar die Fotografen vor uns im Graben plötzlich zu uns umdrehten und unsere fliegenden Matten fotografierten. Wow, ein Einstand nach Maß und es ging munter weiter. Mit „
American Cliche“ oder „
The Best Things“ gab’s weiter auf die 12 und mittendrin wurde auch die morgendliche Single „
Where Do We Go From Here“ präsentiert. Mr. Patrick war gut bei Stimme und strapazierte seine Stimmbänder bis Anschlag. Er ließ natürlich oft den Poser raushängen aber dafür war er auch bei bester Laune. So schmiss er während des Gigs seine Sonnenbrille und seinen Hut ins Publikum oder schlich sich von hinten an einen Security heran, um ihm eine Wasserflasche über den Kopf zu kippen. Überhaupt geizte er nicht damit die Wasserflaschen der Band in die Massen zu kippen und erntete damit viel Beifall. Die Filter-Show zog auch die Musiker der anderen Bands an den Bühnenrand und sogar Head und David von
KoЯn standen dabei und nickten mit dem Kopf. Der Lautstärke-Pegel war nun um einiges höher und die Band nutzte diese Möglichkeit auch mit allen Mitteln aus. So wurden mit Patrick, dem Gitarristen Geno Lenardo und dem Roadie stellenweise 3 Gitarren gleichzeitig bedient und Frank Cavanaugh massierte den Tieftöner, dass es einem in der Magengrube drückte. Zum Abschluss gab es nach mehrmaligem Rufen aus dem Publikum mit „
Take a Picture“ noch den größten Hit der Band, bei dem sich Richie endgültig seine Stimmbänder ramponierte, so dass er beim nächsten Auftritt, auf dem
Bizarre Festival am nächsten Tag, wohl ziemlich abkackte. Uns konnte es getrost egal sein und mit „
Welcome To The Fold“ verabschiedete sich die Band nochmal mit einem Paukenschlag. Patrick klatschte noch den Mikrofonständer auf den Boden und stolzierte von der Bühne. Ganz großes Tennis! Was war das für eine Show und ich gerate noch jetzt ins Schwärmen. Unsere Frisuren waren nach dem Gig auch erstmal anständig durchgefönt, soviel war wohl klar und wann immer uns von nun an eine recht neutrale Band auf einem Festival so wegbläst, werden wir wohl immer vom „Filter-Effekt“ sprechen.
Son Goku
So groß die Begeisterung für Filter auch war, so wurde sie nun jäh zerstört vom nächsten Act.
Son Goku war das Hippie-Projekt von
Thomas D von
Die Fantastischen Vier. Die Tatsache dass sich heute, 3 Jahre später, wohl kaum noch einer an dieses Projekt erinnern kann spricht wohl Bände. Es war ja vorherzusehen, dass diverse deutsche Künstler bei den Erfolgen von
System of a Down,
Staind,
Puddle of Mudd oder
Nickelback ebenfalls auf den Zug der wieder-erstarkten Gitarrenmusik aufspringen würden, aber was diese Öko-Truppe da abzog war wirklich unter aller Sau. Die Musik war billigster Drei-Akkorde Rock mit Hüpf-Rhythmus und die Texte… ich bekomm jetzt noch Kopfschmerzen wenn ich dran denke. Das Weltverbesserungs-Geseier von Thomas D und seinem dicklichen Rastakumpel, der den Co-Sänger gab, war so was von peinlich, dass es sogar Xavier Naidoo in ein ganz neues Licht rückte. Die Singleauskopplung „
Alle für jeden“ war noch das harmloseste. Aber Textzeilen wie „
Wann hören wir endlich auf uns weh zu tun“ oder „
Du hast Gott ist in deinem Herzen“, verpackt in diesen penetranten Gute Laune-Pop mit Hüpfen, Klatschen und allem drum & dran war zuviel des schlechten Geschmacks und hätte ich was zum schmeißen gehabt…
Richtig, richtig große Scheiße war das.
Nach einer Stunde war Gott sei Dank Schluss und wir hatten nur noch eine weitere Band bis zum Auftritt von
KoЯn hinter uns zu bringen, denn das Gequetsche in der ersten Reihe wurde langsam etwas heikel. Vor allem, weil die nächste Band
In Extremo
hieß, und deren Fans war jedes Mittel recht um möglichst weit nach vorn zu gelangen. Die Mitelalter-Rocker betraten dann auch unter tosendem Beifall und von Nebelschwaden umhüllt die Highfield-Stage und legten mit ihrem eigenwilligen Stil los. Mittelalterliche und folkloristische Musik paarten sich mit heftigen Gitarren-Riffs und Sänger Michael Rhein sang meist in altdeutscher Sprache, wovon ich kein Wort verstand aber ihre Anhänger konnten jeden Satz mitsingen. Die hessische Band bestand aus insgesamt 7 Mitgliedern und neben E-Gitarre und Bass wurden solche Instrumente wie Harfe, Dudelsack oder Geige in die Musik eingebaut. Zudem war das Outfit der Jungs alles andere als alltäglich – Schottenrock, Bärenfelle und andere altertümliche Kleidungsstücke waren das Markenzeichen. Meine Freunde fanden die Truppe echt ätzend aber ich fand ihren Sound ziemlich beeindruckend und eigenständig allemal. Ich konnte mir das gut anhören (oder es lag nur daran, dass die Vorband so schlecht war). Aber das Publikum dieser Band war echt eine Plage, mit Kajal geschminkte Maniacs und mit Nieten bestückte Kuttenträger die sich ohne Rücksicht auf andere nach vorn drängelten oder dir in ihrer Ekstase den Ellebogen in die Rippen dreschen. Langsam wurde es echt nervtötend, zumal die Crowdsurfer, die einem im Sekundentakt über den Kopf schwappten, eine zusätzliche Belastung darstellten. Aber ich versuchte das Beste draus zu machen und verfolgte das restliche Bühnengeschehen. In Extremo spielten allerlei Hits mit so ungewöhnlichen Namen wie „
Herr Mannelig“, „Die
Merseburger Zaubersprüche“ oder „Der
Spielmannsfluch“. Irgendwann prasselte dann ein riesiger Konfettiregen aus silbernen Schnipseln auf uns herab und die die Band verließ die Bühne und wünschte uns noch "
viel Spaß bei Korrrrrrrrn!"
Ok, der Moment der Wahrheit war gekommen, wir hatten beinhart alle vorangegangenen Bands in der ersten Reihe überstanden auch wenn unsere Knochen schon mächtig geschunden waren. Doch was jetzt folgte war die blanke Tortur, denn das Quetschen wurde jetzt schon fast unerträglich. Die Umbaupause und der Soundcheck dauerte mindestens eine halbe Stunde und die Stimmung im Publikum war geladen. Vor allem als die Bühnenarbeiter den skulpturenartigen Mikrofonständer von
Jonathan Davis (der extra für ihn von Alien-Erfinder H.R. Giger entworfen wurde) direkt vor uns aufbauten, kamen mehrere schmerzhafte Schübe von hinten. Doch wir blieben standhaft. Der Durst, der sich über die gesamte Zeit angestaut hatte, war ebenfalls die reinste Qual. Vor allem wäre ich fast kaputt gegangen, als plötzlich ein Security ein 2 Liter Tetrapack mit köstlichem
Pfanner Eistee WILDKIRSCH vor meinen Augen öffnete und austrank – ich hätte dafür getötet! Aber ging ja nicht, ich steckte ja fest. Minuten des Wartens verstrichen, immer wieder wurde gedrückt. Und dann erlosch das Licht, ein Beifallssturm brach los, Apocalypse now…
KoЯn
Head, Fieldy und Munky kamen an den Seiten hervor und David Silveria setzte sich hinter sein monströses, silbern glänzendes Kit. Und dann kam Mr.
Jonathan Davis himself, in ein langes schwarzes Gewand gehüllt, an sein Mikro gewandert, direkt vor uns und
...Rumms!!!... starteten sie mit „
Here to Stay“. Ich weiß noch, wie Tom mich ansah und sagte „
Scheiße, das überleben wir nicht“ und wir trotz des heftigen Gerangels versuchten unser letztes bisschen Gehirnsuppe aus den dehydrierten Schädeln zu bangen. Noch während „Here to stay“ ließen sich meine Kumpels von den Securities rausziehen, falls sie nicht bereits vorher „weggespült“ worden waren. Ich war nun allein da vorne, Auge in Auge mit Jonathan Davis und wollte es um alles in der Welt auch bleiben, doch als Davis als nächsten Song ausgerechnet mit „
Twist“ auffuhr, drehte die Masse nur weiter am Rad, weiter aufgeputscht durch das Blitzlichtgewitter, welches im Takt mit dem Gebolze der KoЯn-Jungs aufblitzte und bei manchen wohl eine Reizüberflutung auslöste. Doch beim 5. Song (Ich glaube „
Dead Bodies Everywhere“) musste auch ich kapitulieren, denn mittlerweile hatte der Druck einen Status erreicht, bei dem ich Angst hatte, dass meine Hüftknochen brechen. Aber vorn rausziehen lassen wollte ich mich nicht, weil ich befürchtete, dass meine Schienbeine dabei draufgehen könnten, falls diese stecken blieben. Also versuchte ich mich nach hinten durchzukämpfen. Doch damit geriet ich mitten hinein in den Moshpit und es war echt Hölle. Dort ging es so dermaßen ab, dass ich kaum an Halt gewinnen konnte und obwohl es mittlerweile Nacht war und die Temperaturen um einiges heruntergekühlt sein mussten, war es im Center so dermaßen heiß und stickig, dass man Atemprobleme bekam. Neben mir sackte auch ein Typ ohne Vorwarnung zusammen und ich hatte Mühe ihn mit ein paar anderen aus dem Pit zu fischen und auf die Masse zu legen, so dass sie ihn nach vorne trug. Weil ich Angst hatte dass mir das gleiche passieren könnte, tat ich es ihm gleich und ließ mich vor zur Absperrung tragen. An der Seite kam ich wieder hinein und schlängelte mich bis hinter zu einem Getränkestand. Von hier aus war ich zwar ca. 50 m von der Bühne entfernt, hatte aber dafür endlich ein bisschen Freiraum und besorgte mir sofort 2 Gläser Wasser, die ich in Sekundenschnelle hinter kippte. Ich wäre wirklich gerne bei in der ersten Reihe geblieben, aber nicht zu diesen Bedingungen. So verfolgte ich in Ruhe den weiteren Verlauf des Konzertes. Fieldy hatte seine geflochtenen Zöpfe durch die Löcher seines Basecaps gefädelt und spielte seinen Bass wieder auf Kniehöhe und auch
Head und Munky bearbeiteten ihre Äxte in Bodennähe und wippten im Takt in ihrer gebeugten Körperhaltung. Wenn die später mal Rückenschäden haben, würde mich das nicht wundern. Die Songsauswahl hätte besser nicht sein können – ein pures Best of-Programm mit den Singles und anderen Favourites der Band. So reite sich Hit an Hit wie z.B. „
Blind“, welches erstaunlicherweise ziemlich in der vorderen Mitte des Sets platziert war. Weitere Highlights waren „
Freak on a Leash“, „
A.D.I.D.A.S.“ oder frühe Nummern wie „
Divine“, „
Good God“ oder „
Faget“. Ein Überraschungsmoment war, als die Band eine kurze Covereinlage von
Metallica’s „
One“ ans Ende von „
Make Me Bad“ packte und der ganze Platz die Zeilen mitgrölte. Und wenn beim Outro von „
Somebody Someone“ nicht die obere Erdkruste gebröckelt hat, dann weiß ich auch nicht. Bei diesem extrem tiefen und basslastigen Gitarrengerumse bebte echt der ganze Platz und
Head brüllte die Background Vocals. Mit „
Falling Away From Me“ und einer sehr intensiven Darbietung von „
Kill You“ beendeten sie das reguläre Set. Doch dass da noch etwas kommen musste, war wohl allen Beteiligten klar. Es vergingen einige erwartungsfrohe Minuten und dann ertönten plötzlich die vertrauten Dudelsack-Töne. Leck mir einer die Fußsohlen!!! Sie bringen „
Shoots and Ladders“ welches auf der vergangenen
Issues-Tour wohl schmerzlich vermisst wurde. Und so war der gesamte Platz nochmal kollektiv am ausrasten und selbst die Securities, die neben dem Getränkewagen standen, achteten mehr auf die Bühne als auf die Zuschauer. Als Abschluss brachte man die Menge nochmal mit „
Got the Life“ zum jumpen und dann war Ruhe im Karton!!!. Ein konsequent durchgezogenes Set ohne große Publikumsinteraktion oder Zwischenreden aber musikalisch dafür so perfektioniert und auf den Punkt gespielt, dass man einfach nichts anderes als begeistert sein konnte. Zu Recht Headliner des Abends.
Anschließend gings zurück zum Zelt. Kurz darauf war aber auch sofort Zapfenstreich, da wir von unserem Konzert-Marathon ziemlich fertig waren. So vernahmen wir nur noch im Schlafsack die Klänge aus dem Tittytwister-Partyzelt, in dem man bis zum nächsten Morgen mit lauter Rockmusik durchfeiern konnte.
Samstag, 17. August
Der nächste Vormittag verlief, so weit ich mich erinnere, unspektakulär. Wir grillten zum Frühstück, tranken brav unser Malzbier und genossen das Festival Flair. An den Wassercontainern trafen wir sogar die
Populario-Leute aus Hoyerswerda. Am frühen Nachmittag ging ich schon mal aufs Konzertgelände um die Lage zu peilen. Aber musikalisch war dort noch nicht viel zu holen. Oder kann sich noch jemand an
Lambretta mit ihrem zweifelhaften Liedchen “
Bimbo“ erinnern? Also blätterte ich nur etwas durch die aktuelle Ausgabe der Uncle Sallys, die gratis auf dem Gelände verteilt wurde und zog durch die Zeltstände, um mir das Merchandise und anderes Klimbim anzusehen. Als Madame Lambretta dann ernsthaft „
Are there any Bimbos out there?“ ins Publikum rief, wusste ich, dass es Zeit war wieder aufs Campinggelände zu verschwinden und später wiederzukommen. Die
Emil Bulls intressierten mich nicht.
The Get Up Kids und
Hot Water Music wurden aus Unkenntnis ignoriert und die
Sportfreunde Stiller sind ohnehin die penetranteste Seuche der deutschen Musik- und Festivalkultur.
Am späten Nachmittag zogen wir dann geschlossen vor die Bühne. Dort fanden wir uns plötzlich vor der Bühne wieder mit unendlich viel Platz um uns herum. Schräg vor der Bühne hatte sich durch den Regen am Vormittag und den Moshpit eine rutschige Schlammgrube gebildet und die meisten Leute versuchten dieser fern zu bleiben. Nur ein paar unbedarfte Irre stampften darin herum und wälzten sich im Matsch. Und da unsere Klamotten ohnehin Ausschussware war, gesellten wir uns dazu und ließen ordentlich die Sau raus (Mutti wäscht ja).
Muse
waren der eigentlich Grund, warum wir aufs Konzertgelände gekommen waren und das Trio aus England hatte grade angefangen zu spielen. Ich hatte die Band
2 Jahre zuvor als Newcomer im Vorprogramm von
Bush gesehen, und war damals wenig angetan vom höhenlastigen Falsettgesang von Matthew Bellamy. Nachdem ich mich intensiver mit der Band beschäftigt hatte, war ich jedoch schwer von ihnen begeistert und deshalb dankbar, sie ein weiteres Mal live würdigen zu dürfen. Muse hatten mittlerweile ihr 2. Album
Origin Of Symmetry draußen und waren auf der Erfolgsleiter einige Sprossen nach oben gespurtet. Mit „
Plug In Baby“ hatten sie sogar so etwas wie einen Hit am Start. Dass Konzert selbst war dann auch sehenswert. Muse spielten einen Rundumschlag ihrer beiden Platten. Highlights des ersten Albums
Showbiz wie „
Muscle Museum“, „
Uno“ oder „
Sunburn“ kamen ebenso zum Vortrag wie das geniale „
Citizen Erased“ vom aktuellen Album. Matthew Bellamy zeigte dabei, dass er sowohl an der Gitarre als auch am Keyboard ein begnadetes Talent ist. Zum Ende hin gab es auch den aktuellen Hit „
Plug In Baby“ mit diesem wahnwitzigen Gitarrenriff, zudem es sich nur zu gut Luftgitarre spielen ließ – mit den Knien im Matsch versteht sich. Passend dazu waren als nächstes die Post-Grunger von
Puddle of Mudd
an der Reihe. Der Vierer aus Kansas City war das aktuelle Steckenpferd von
Limp Bizkit-Rotkäppchen Fred Durst und war mit dem Album
Come Clean den darauf enthaltenen Singles „
Control“, „
Blurry“ und „
She Hates Me“ momentan sehr erfolgreich in den Charts unterwegs. Um das Eisen möglichst lange zu schmieden, wurde die Band von der Plattenfirma ausgiebig auf Tournee geschickt.
Einige Monate zuvor hatte ich sie bereits als Vorband von
Staind gesehen, momentan begleiteten sie
KoЯn auf Tour und auf den einschlägigen Festivals waren sie auch gebucht - so auch hier. Mit ihren rockigen Songs und ihrem Nirvana-Gedächtnis-Sound reichten sie allemal, um die Party weiter anzuheizen. Als die Band grade den Partyknaller „
She Hates Me“ spielte, fielen die Boxentürme aus, und PoM waren nur noch durch die Monitorboxen zu hören. Das tat der Stimmung jedoch keinen Abbruch und das Publikum sang an ihrer Stelle weiter. Mit dem nächsten Album verschwanden
Puddle of Mudd dann jedoch in der Versenkung, zumindest in Europa. Den Erfolg ihres Debüt-Albums konnten die „Nirvana für einen Sommer“ allerdings nie mehr wiederholen.
Farin Urlaub
Der Sänger und Gitarrist der
Die Ärzte war als nächstes an der Reihe. Ende 2001 hatte er sein erstes Soloalbum
Endlich Urlaub! veröffentlicht, war jedoch durch seinen Bekanntheitsgrad und den Status seiner Hauptband sofort als Co-Headliner des Abends gebucht. Doch da Farin ohnehin den Großteil der Ärzte-Songs schreibt und singt, hatten seine Solonummern natürlich dieselbe Klangfärbung und besaßen nicht weniger Hitpotential als die Songs der "
Besten Band der Welt". Und so feierte der Platz zu den bereits bekannten Singles „
OK“, „
Glücklich“, „
Sumisu“ und „
Phänomenal egal“ und erfreute sich an allerhand klamaukigen Texten z.B. über die Exfreundin (…“
und wenn du schläfst, kack ich dir auf den Bauch, rasiere deinen Hund“…). Farin hatte sich als Begleitband nur weibliche Musiker an Bord geholt und sie das
Farin Urlaub Racing Team getauft. Zwar spielte Farin keinen Hit aus dem reichhaltigen Fundus seiner Hauptband, dafür gab es mit
Nowhere aber eine Coverversion der nordirischen Rockband
Therapy? zu hören. Nach dem letzten Song verabschiedete sich Urlaub mit den Worten „Viel Spaß bei Inkubusssss“!!!!
Incubus
Incubus hatten mit
Morning View eines der besten Platten der modernen Rockmusik im vergangenen Jahr veröffentlicht. Mit dem Album konnten sie den ohnehin schon genialen Vorgänger
Make Yourself von 1999 noch einmal toppen. Die fünf Kalifornier waren, neben KoЯn, der Grund, warum wir auf dieses Festival gekommen waren. Und wir wurden nicht enttäuscht. Das Konzert war nahezu perfekt: Wir standen nah an der Bühne, wir hatten Platz, das Wetter war gut, der Sound war klar und auch die Setlist ließ keine Wünsche offen. Jeden Song den ich hören wollte, bekam ich an diesem Abend auch zu hören: „
Circles“, „
Clean“, „
Nice To Know You“, „
Pardon Me“, „
The Warmth“… alles war vertreten. Bei „
Drive“ sang das gesamte Publikum mit und bei „
A Certain Shade of Green“ sprang der ganze Platz. Die Band um Front-Schönling Brandon Boyd schien ebenfalls eine gute Zeit zu haben und packte als Zugabe sogar ein Cover von
Led Zeppelins „
Immigrant Song“ drauf.
Damit stellte der Auftritt von
Incubus einen gelungenen Abschluss für unseren Festival-Ausflug dar. Denn am nächsten Tag mussten wir leider wieder tagsüber abreisen, damit meine schulpflichtigen Kameraden am Montag wieder brav vor dem Lehrkörper stehen konnten. Somit bekamen wir die ersten Auftritte vom Sonntag nur noch als Soundkulisse mit, während wir unsere Zelte abbauten und das Müllpfand einlösten. Ich glaube zwei meiner Kumpels haben sich noch
Die Happy angeschaut, aber nicht weil sie unbedingt auf deren Musik abfuhren, sondern weil sie die Oberweite von Sängerin Martha so beeindruckend fanden. Zu meinem Bedaueren bekam ich den Auftritt von
Dover nur noch klanglich mit und
Jimmy Eat World musste ich auch schweren Herzens sausen lassen. Aus heutiger Sicht bedauere ich es besonders,
Motorpsycho verpasst zu haben. Und selbst der unrockige Headliner dieses Tages, das Elektro-Duo
Faithless, wäre sicherlich sehenswert gewesen.