Montag der 19. Oktober 2009 - Wie lange hatte ich auf diesen Tag gewartet. Seit Monaten starrte ich jeden Tag das Konzertticket an, das wie einen Schrein das kleine Tischchen in meinem Zimmer dekorierte und sehnte mir die Liveshow meiner 5 Lieblingsschweden herbei.
Heute war es dann endlich soweit! Ich nahm die Karte und steckte sie schnell in meine braune Lederhandtasche und verließ breit grinsend & schnellen Schrittes das Haus. Ich hatte es mal wieder eilig - wie immer! Es war zwar erst halb fünf, aber ich musste schließlich noch meine Freundin Sabine einsammeln, die auch ganz gerne mal trödelt und dann würde ich ja noch tanken müssen und zu guter letzt mit meinem Auto den richtigen Weg finden, der ohnehin schon ca. 40 Minuten in Anspruch nimmt (wenn man KEIN gestresster Fahranfänger mit Orientierungsproblemen ist!). Und um 19:00 Uhr war ja schon Einlass!
Kaum unterwegs war es dann auch schon passiert:
„Das war die falsche Ausfahrt!“ ertönte es lauthals vom Beifahrersitz. Sabine hatte die Ehre mich mit einer Google-Wegbeschreibung zu navigieren, was keine allzu leichte Aufgabe war, da ich unter anderem darauf bestand während der gesamten Fahrt
Mando Diao aus meinen Boxen ertönen zu lassen. Nach einem gekonnten Wendemanöver inmitten eines wildfremden Gewerbegebietes fanden wir dann aber doch noch den richtigen Weg und siehe da - gegen 18 Uhr befanden wir uns schließlich auf dem Parkplatz der Jahrhunderthalle. Welch beruhigendes Gefühl!
Endlich konnten wir all den Stress hinter uns lassen und voll und ganz auf das bevorstehende Konzert freuen.
„Na dann mal ab in die Schlange.“, motivierte ich Sabine noch ein bisschen. Ihre Vorfreude war dank der Autofahrt etwas getrübt.
„Nein, ab aufs KLO!“ - Na super. Glücklicherweise lachten uns zwei Dixiklos auf dem Gelände förmlich entgegen, sodass wir zumindest nicht nochmal unnötig Zeit mit dem Aufsuchen einer Toilette verplempern mussten. Vor dem Dixiklo hatten wir dann eine lustige Unterhaltung mit ein paar Fans, die sich schon seit
13 Uhr die Beine in den Bauch standen, nur um festzustellen, dass dies hier KEIN Tokio Hotel artiges Konzert war, bei dem die Groupies bereits tagelang vorher ihre Zelte vor der Halle aufschlagen, um einen Platz in der 1. Reihe zu ergattern. Jetzt froren sie, waren gar nicht mehr so gut gelaunt und hofften auf eine unglaublich großartige Show als Entschädigung.
Mit geleerten Blasen und einem strahlenden Lächeln konnten Sabine und ich sich jetzt endlich vor dem Eingang anstellen. Die schier unendlich scheinende Wartezeit auf den Einlass vertrieben wir uns vornehmlich mit dem Erzählen diverser Konzerterlebnisse, die mitunter sehr skurril waren. Zwischendurch erhaschte ich auch einen zugegebenermaßen neidischen Blick auf ein paar Mitglieder des Frankfurter Street Teams, von denen ich wusste, dass sie an diesem Mittag bereits die Ehre eines Meet&Greet mit
Mando Diao hatten. In Pläne versunken, wie ich denn möglichst schnell an möglichst viele Citizens-Punkte herankommen könnte, um bei meinem nächsten Konzert auch die Jungs treffen zu dürfen, spürte ich plötzlich, wie die Schlange sich in Bewegung setzte.
Es ging los!
Sabine und ich wendeten unsere stets erfolgreiche
„Ich will so weit wie möglich vorne stehen“- Taktik an, die daraus besteht, dass nur einer von uns beiden mit all unseren Besitztümern an die Garderobe hechtet, während die andere zur Bühne sprintet und einen möglichst guten Platz für sich und die Freundin ergattert!
Wie zu erwarten fruchtete die Taktik und wir schafften es auf Anhieb in Reihe 3 auf der halblinken Seite der Bühne, obwohl wir draußen in der Schlange nicht wirklich weit vorne gestanden hatten.
Nun hieß es
warten! Oh wie ich diese Warterei auf Konzerten hasse. Doch ich wusste, dass es sich lohnen würde & so harrte ich ungeduldig aus. Durch irgendeine glückliche Fügung stellte Sabine dann aber nach 10 Minuten fest, dass wir ja direkt neben den „Dixichicks“ gelandet waren und so hatten wir auf Anhieb vier supernette Gesprächspartnerinnen gefunden, um uns die Wartezeit zu erleichtern - ich wusste ja nicht, dass es sich später für mich sogar noch auszahlen würde!
Nach gefühlten 10 und
einer tatsächlichen Stunde wurde es plötzlich dunkel in der Halle. Der Adrenalinpegel stieg. Gleich würde die Vorband rocken. Die Vor
band? Alles was ich im schwummrigen Scheinwerferlicht erkennen konnte war ein einziger junger Kerl samt Gitarre. Das Spotlight richtete sich auf ihn & es fiel mir wie Schuppen von den Augen:
CARL NORÉN!! Schlecht informiert wie ich war hätte ich an diesem Abend mit vielen Überraschungen gerechnet, aber das war nun wirklich ein ganz besonderes Sahnehäubchen an musikalischer Einstimmung - um von der Optik mal zu schweigen. Was sah der Kerl gut aus in seinem schlichten, schwarz-weißen Anzug samt Krawatte. Jetzt musste seine Stimme nur noch halten, was seine Blutsverwandtschaft zu Gustaf versprach. Und was soll ich sagen? Er hat uns nicht enttäuscht! Die Töne einer zart gezupften Akustikgitarre und eines gefühlvoll singenden
Carl Norén erfüllten die Halle und mein Herz. Fast schon unverschämt talentiert war dieser blonde Schwede, der während der Songs von der Klampfe ans Keyboard wechselte und zwischendurch noch ein Mundharmonikasolo einlegte.
Das begeisterte Publikum und insbesondere die
Sugarplum Fairy Fans honorierten sein Talent entsprechend mit tosendem Applaus und lautem Geschrei, wie man es von „Vorgruppenapplaus“ eher weniger gewohnt ist.
Und trotzdem trappelten meine Füße nicht nur im Takt sondern auch vor Ungeduld endlich
Mando Diao auf der Bühne zu empfangen.
Erstaunlich kurz war Carls Bühnenprogramm gewesen und auch erstaunlich ruhig so als Einstimmung auf ein Rockkonzert. Es war also klar, dass noch etwas im Busch bzw. hinter der Bühne war. Nach einem kurzen Moment des erneuten Wartens in Lichtdurchfluteter Halle betraten schließlich
The Rumble Strips die Bühne und lieferten gängigen Brit-Rock ab, der die Stimmung in der Halle etwas teilte. Während unsere Ecke (samt der „Dixichicks“ :D) die Band gekonnt feierte, gab es vereinzelt auch Leute, die
The Rumble Strips gekonnt durch starres „am Boden haften“ ihre Abneigung spüren ließen. Nichtsdestotrotz war gegen Ende ihrer Einlage die Vorfreude in der Halle nicht mehr zu stoppen & die ersten Schweißperlen liefen den Jungs und Mädels in den Stehrängen bereits die Schläfen runter.
The Rumble Strips verabschiedeten sich freudig winkend, das Licht in der Halle erstrahlte ein vorerst letztes Mal, starke Männer begannen die Bühnenkulisse für den lang herbeigesehnten Hauptact herzurichten und mein Herz begann wie wild zu schlagen. Wir berauscht drehte ich mich zu Sabine um und krisch ihr mit quietschender Stimme ein
„Aaaahh, gleich ist es so weit!“ mitten in ihr irritiertes Gesicht. Sie konnte meine fast schon wahnhafte Euphorie einfach nicht nachempfinden, ist sie doch ein fast schon nervend pragmatischer Mensch. Zumindest die „Dixichicks“ amüsierten sich köstlich über meine Extase & stiegen voll darauf ein, ebenso wie die meisten Mädels um uns herum.
Auf einmal war es dann soweit - das Licht senkte sich zeitlupenartig langsam, mein Puls und der der anderen X-tausend Zuschauer raste umso schneller und aus den überdimensionalen Boxen schallte ein (zugegebenermaßen ziemlich irritierendes) Operetten-Intro, während man auf der dreigeteilten Leinwand über der Bühne einen Heimatfilm aus Zeiten der Industrialisierung bewundern konnte. Doch meine Augen suchten vielmehr den schlecht beleuchteten Bereich des Bühnenaufgangs nach den 5 Schweden ab, von denen ich jetzt nichts mehr wollte, als dass sie lautstark die Halle zum Beben bringen. Plötzlich tobte die Menge, Mädchen (inklusive mir) schrien sich die Seele aus dem Leib und
Mando Diao bezogen ihre Positionen auf der Bühne. Sam trohnte förmlich hinter seinem Schlagzeug auf dem höchsten Punkt der Treppe, die das Zentrum der Bühne bildete. Mats nahm Platz an einem wunderschönen Konzertflügel, auf den mir von meiner Position aus die Sicht leider verwehrt blieb. CJ belegte den linken Teil der Bühne direkt vor meinen Augen, der - leer wie er war - viel Platz für waghalsige Sprünge bot und Gustaf (gehüllt in einen schwarz-roten Umhang, der vermutlich verantwortlich für seine magischen Livequalitäten ist) und Björn teilten sich die Position in der Mitte, hinter einem seltsamen Mikrofonständer, der stark an ein mit Rosen verziertes Schlosstor à la Dornröschen erinnerte.
Mit dem ersten Akkord, den die Jungs auf ihren Instrumenten anstimmten um den Frankfurtern mit Blue Lining, White Trenchcoat gleich zu Beginn einzuheizen verabschiedete sich meine Wahrnehmung in Trance-ähnliche Sphären und alles, was mein Herz, mein Kopf & mein Körper mir noch sagten war:
„Learn to sing along[…] &Dance, Dance, Dance!“. Ich war endlich wieder da, wohin ich seit meinem ersten
Mando Diao Konzert im März 2009 zurückwollte: In
Ochrasy. Mit Leib & Seele.
Etwa hier ist nun der Punkt gekommen, ab dem es mir äußerst schwer fällt meine Gedanken, Gefühle und Erlebnisse des Abends zu sortieren, da ich mich wiegesagt in einem wahren Rauschzustand befand. Alles woran ich mich detailliert erinnere ist folgendes:
- Die „Dixichicks“ und Ich hatten einen heiden Spaß daran immer wieder aus voller Kehle
„CJ!“ zu brüllen und vergeblich auf eine Reaktion des fröhlichen „Flummis“ zu warten, der direkt vor unseren Augen den Bass zupfte, sang & sprang, weswegen wir uns auch von Minute zu Minute besser verstanden.
- Es zauberte mir immer wieder aufs neue ein honigkuchenartiges Lächeln aufs Gesicht zu betrachten, wie - fast schon lustig aggressiv - Sam mit all seiner Leidenschaft auf das Schlagzeug eindrosch.
- Nach 9 energiegeladenen Rockliedern verschwanden Björn & Gustaf plötzlich von der Bühne und im gesamten Publikum stellte sich eine Massenirritation ein, die unter anderem zu einem panischen Schrei eines weiblichen Fans und einer lautstarken Reaktion darauf in Form eines unpassenden
„Hellau“ meinerseits führte, was man sich nun jederzeit auf dem Konzertstick zu Gemüte führen kann.
Gefangen in unserer Verwirrung verstanden wir auch CJs überdeutlichen Fingerzeig auf den hinteren Teil der Halle zunächst nicht und strahlten ihn einfach verwundert an. Als wir dann schließlich verstanden hatten, dass die beiden Sänger sich für eine Unplugged-Session auf eine zweite, kleinere Bühne zurückgezogen hatten, durften wir sogleich feststellen, dass wir nun nicht mehr in der 3., sondern in der 3.-letzten Reihe des Publikums standen und
nichts mehr von Björn & Gustaf sahen. Darum trösteten wir uns mit dem erheiternden Anblick eines CJ, der höchstkonzentriert und ungewohnt ruhig zwei Takthölzer aneinander schlug und feuerten ihn dementsprechend mit lauten
„CJ, CJ, CJ!“-Rufen an, womit wir einigen Leuten die wirklich wunderschöne Akustikversion von
The New Boyvermutlich ordentlich verdorben haben - an dieser Stelle ein
„Entschuldigung“ dafür.
- Die Copacabana-Version von
Gold ließ mich förmlich den Sand unter meinen Füßen spüren.
- Als die Jungs dann endlich wieder vollzählig die Hauptbühne besiedelten gab es endgültig kein Halten mehr und ich schmolz vor Schweiß & Begeisterung dahin! Begeisterung auch darüber, dass zwar ordentlich getanzt und gepogt wurde, aber dennoch jeder nett zu jedem war!
- Irgendwann inmitten des Instrumentals von
Down In The Past ging doch tatsächlich ein völlig verschwitzter Björn zentimeternah am Zaun vorbei, was zu ohrenbetäubendem Mädchengeschrei, sowie Quetschwunden und einer Endorphinexplosion in meinem Körper führte, die eine durchaus aphrodisierende Wirkung auf mich ausübte.
- Was wir zu diesem Zeitpunkt nicht wussten war, dass Björn die kreischenden Masse breit grinsend filmte und live auf die Leinwand übertragen lies!
(Der Sack! :P)
- Es folgten gefühlte Stunden an exzessiver Auslebung von Glücksgefühlen in Form von Mitsingen, Schreien, Klatschen und Tanzen. Die Glückseeligkeit gipfelte im Auffangen herabfallender Glitter-Schnipsel mit kindergleichen Augen am Ende des letzten Liedes, das da
Go Out Tonight war.
*4 dieser Schnipsel nenne ich seither mein Eigen & sie schmücken äußerst dekorativ meine Wand!
- Die letzten 5 Minuten verbrachte ich in Reihe 2!! Dank der großartigen Hilfe von Tina, einem der „Dixichicks“, der ich für diese großzügige Geste auf ewig meinen Dank schulde!
- Ich, Sabine, die „Dixichicks“, der versammelte Rest im Publikum sowie
Gustaf Norén waren sich am ende des Konzerts einig: es war
„fuckin’ fantastic!“!!
Ebenso plötzlich wie es scheinbar angefangen hatte, hörte das großartige Konzert auch wieder auf, nachdem auch der letzte Glitter-Schnipsel den Boden berührt hatte. Noch immer berauscht von den fünf Schweden, ihrer Liveshow und ihrer Musik begaben sich Sabine und Ich in Richtung Garderobe und wenig später in Richtung Parkplatz. Wir kampierten noch eine ganze Weile im Auto um der Konzert-Rush-Hour zu entgehen und tranken genug Wasser um unseren enormen Schweißverlust wieder auszugleichen. Noch während der gesamten Rückfahrt - und ja, wieder ertönte
Mando Diao aus den Boxen meines Twingos - sprachen wir über den Abend.
Das und die Tatsache, dass sich noch bis heute Restendorphine in meinem Blut befinden, hervorgerufen durch den einzigartigen Auftritt Mando Diaos an diesem 19. Oktober 2009, bestätigt mich in meiner Empfindung, dass dies eines der großartigsten musikalischen Events in meinem Leben war und immer sein wird.
Getoppt werden könnte dieses Erlebnis wohl höchstens noch von einem Meet & Greet mit der Band dank einer hart erarbeiteten, bis in den Himmel ragenden Citizen-Punktzahl auf ihrer Homepage - aber DAS ist dann mein Ziel für das nächste Konzert, auf das ich hoffentlich nicht allzu lange warten muss und bis zu dem ich mich mit den wundervollen Erinnerungen an diesen unwiederbringlichen Abend begnüge.
Mit einem
DANKESCHÖN aus tiefstem Herzen an die beste Band der Welt, Mando Diao,
Simone!