Zur (regressiven) Rezeption der „Folk-Elfe“
„Die Glorifizierung des weiblichen Charakters schließt die Demütigung aller ein, die ihn tragen“ (Theodor W. Adorno)
Christina Carter, Marissa Nadler, Mariee Sioux, Heather Lee Murray, Josephine Foster, Liz Harris (Grouper), Joanna Newsom, Merja Kokkonen (Islaja), Meg Baird, Laura Naukkarinen (Lau Nau), Bethany Sharayah und Amanda Brown (Pocahaunted),Jana Hunter, Hanna Tuulikki (Nalle), Alela Diane, Chan Marshall (Cat Power), Nina Nastasia, Yvonne Cornelius (Niobe), Anja Plaschg (Soap&Skin), Joanne Robertson... – die Liste ließe sich beliebig verlängern und mitunter wird wie folgt jubelnd kommentiert:
„Die eine ist für ihr durchgeknalltes Auftreten berüchtigt, die andere präsentiert sich sanft, tieftönend und geradlinig, die letzte ist so schüchtern und bescheiden, dass sie bislang den Gang ins Studio verweigerte. So verschieden sie auch sein mögen: gehört haben muss man jede einzelne dieser begnadeten Folk-Elfen“ (so der BR in einer Radiosendung).
Aua, aua, aua,... das tut weh, aber wo Kulturindustrie zuschlägt, da wächst Gras scheinbar nur noch unter der Akzeptanz einer oftmals stereotypen Rezeption, mit der sich nicht nur Joanna Newsom („durchgeknallt“), Alela Diane („tieftönend und geradlinig“) und Anja Plaschg („schüchtern und bescheiden“) auseinanderzusetzen haben.
Über einige Dilemmata der öffentlichen Wahrnehmung letzterer hat Sonja Eismann Erhellendes in der taz geschrieben. Eismann gelingt es, ihre eigene und die allgemeine „Faszination für das ‚Wunderkind‘“ nachvollziehbar darzustellen und zugleich kritisch werden zu lassen. Sonja Eismann weiß nicht nur sondern schreibt auch darüber, dass sie Teil des „Reißwolfs“ medialer Aufmerksamkeit ist, der zur sensationsfreudigen Vereinnahmung und Vereindeutigung neigt und vor dem Anja Plaschg „Bammel“ hat – zu Recht, wie Eismann selbstkritisch und im Rückgriff auf einige historische Beispiele (u.a. Bettina Galvagni) deutlich macht. Doch zumeist bleiben solche kritischen Reflexionen der SchreiberInnen über ihre Position(en) gegenüber den vermeintlich „begnadeten Folk-Elfen“ und „Wunderkindern“ aus.
Denn in erster Linie ist auch das vereindeutigende Geschwafel über die „Pop-Elfen“ ein kulturindustrieller Effekt. (Wenigstens) Aufmerksamkeit – ein knappes Gut – soll erzeugt, gelenkt und womöglich solange gehalten werden, bis das Geschriebene gelesen und in der Folge eine CD oder Konzertkarte gekauft sind. Mag sein, dass die eine oder andere Künstlerin über ihr „Folk-Elfen-Dasein“ kaum bekümmert ist oder es hier und da – durchaus ökonomisch kalkulierend – sogar bedient oder zumindest unkritisiert lässt – eine Zumutung bleibt eine solche Zuschreibung trotzdem.
Eine Zumutung auch für jene, die sich von all’ denen als „Snob“, „Nerds“ oder „Geek“ bezeichnen lassen dürfen, die auch mit der „Folk-Elfe“ nicht lange fackeln, um sie auf den Begriff zu bringen, in eine Schublade zu stecken und damit erledigen. Da mache ich mir schon Sorgen,...
Auch daher nicht zuletzt ein gewisses Unbehagen, als ich im Testcard-Autoreninfo unter der thematischen Perspektive der „Regression“ und dem „Regress“ wieder von „Folk-Elfen“ las. Sicher, ein Call-for-Papers läuft der Form halber immer Gefahr, Klischees zu reproduzieren, dennoch: Wovon soll die Rede sein, wenn Künstlerinnen in Verbindung mit einer (beobachtbaren?) gesellschaftlichen Tendenz zur Regression gebracht werden? Joanna Newsom trägt häufig Kleider? Ein Indiz für ein traditionelles weibliches Rollenverständnis? Geht es darum? (Klingt, wie erwähnt, selbst wie ein Klischee, die Gleichung Kleid = traditionelles Frauenbild.)
Im Grunde stellt eine solche Thematisierung von künstlerischem Auftreten das Problem dar, das zu lösen sie vorgibt, denn ein solcher Auftritt ist komplexer als seine Zuspitzung auf die Frage danach, welchen gesellschaftlichen Code ein Kleidungsstück bedient. Wer so fragt, hat schon verloren, denn es wird auf diese Weise ein Element (hier das Kleid) aus dem Kontext gelöst, um es mit einer abstrakt-theoretischen Perspektive (die nach dem traditionellen Frauenbild) zu konfrontieren. Ein solches vermeintlich kritisches Vorgehen entspräche strukturell – und an dieser Stelle theoretisch verbrämt –jenem kulturindustriellen Effekt von dem oben die Rede war: Klappe zu, „Folk-Elfe“ tot!
„It's easy to get the wrong idea about Marissa Nadler. In fact, she almost encourages it.“
Ich weiß nicht allzu viel über Joanna Newsom, aber ich hatte einmal das – wenn auch kurze – Vergnügen Marissa Nadler kennenzulernen (wäre zuviel gesagt). Ein Konzert in einem Krefelder Plattenladen ermöglichte eine Erfahrung, die ebenso erhellend wie ernüchternd war. Die „Folk-Elfe“ trank nicht etwa Met, sondern sie as Käsebrötchen. Sie reiste auch nicht auf den Schwingen eines Adlers oder im Bauch eines Wales – sie fuhr einen japanischen Mietwagen aus Frankreich zum nächsten Konzert am selben Abend nach Dortmund! Auch zauberte sie ihr Equipment nicht aus dem Wagen und wieder hinein. Nein, Sack und Pack trug sie selbst hin und her (auch wenn der Besitzer des Ladens und ich ihr tragen helfen durften). – Es kann nicht schaden, hin und wieder mit den (Re-)Produktionsbedingungen von vermeintlichen Elfen konfrontiert zu sein... Und um so beeindruckender war es, dass Marissa Nadler währenddessen und gegenüber all’ der Alltäglichkeit in einem weißen Kleid nahezu erstrahlte. (Von Audrey Hepburn soll der Ausspruch überliefert sein, dass das Tragen einer weißen Bluse von Givenchy ihr das Gefühl vermittelt habe, geschützt zu sein. Man kann sich dann immer noch fragen, warum und wovor denn Schutz überhaupt nötig sei.)
Im bereits zitierten Interview spricht Marissa Nadler über Missverständnisse, die ihre Persona provozieren mag:
„‚I think based on my music people expect me to be very witchy, like I fly in on a broomstick or something, [...] I think it's funny up to a point. I'm cognizant of the image I portray, and I like there to be a unity between the visual realm and the musical realm.‘ [...] She remembers a fan in France who plied her with chocolates after her show, only to be dismayed that she was not the siren he had heard on her albums. She adopts a faux French accent: ‚Oh, I thought you would be more ethereal in person,‘ she remembers him saying.“
Na, kein Beinbruch, wie gesagt: „It’s funny up to a point“, aber es ist in anderer Hinsicht ärgerlich, wenn gerade bzw. immer wieder so genannte „Folk-Elfen“ mit einer Forderung/Sehnsucht nach Authentizität konfrontiert werden und damit einhergehend (im unangenehmeren Fall) auch noch politische Implikationen (verbunden mit dem „Kleid“ etwa) unterstellt werden. Spätestens seit Bob Dylan darf einen der Verdacht beschleichen, dass es im Folk mitnichten authentisch zugeht oder man es gar mit „echten“ Menschen zu tun hätte... (vgl. hierzu Heinrich Detering 2007)
Das ist aber vor allem ein Problem der (nicht nur professionellen) Rezeption und weniger eines, das die KünstlerInnen haben (die haben es erst, wenn sie zum 1000sten Mal dumme Fragen nach Kleidern beantworten müssen – aber mitunter nehmen sie es mit Humor).
Tja, was nun? Wie weiter? Auf der Seite professioneller Rezeption vermisse ich oft den Versuch, herauszufinden und zu verstehen, was an Komplexität jeweils im Gegenstand aufgehoben ist sowie die Bereitschaft, ggf. vorhandene eigene Vorurteile thematisch werden zu lassen. Um wiederum ein positives Beispiel für das Gemeinte anzuführen: Es gibt ein fabelhaftes Interview von Klaus Walter mit Adam Green , in dem Klaus Walter durch das Interview hindurch eine Adam Green gegenüber reflexivere Position gewinnt und abschließend gar zu einem positiven Urteil kommt (letzteres ist allerdings nicht zwingend notwendig, war hier aber der Fall). Das Interview liest sich geradezu wie ein Krimi: Wie das wohl endet?
Einleitend stellt Walter missmutig fest: „Ich war schon gespannter vor Interviews. Weiß ich nicht alles von dem, aus 1000 Interviews? Dann werde ich auch noch Zeuge, wie Adam Green vier Mal die Treppe im Kölner Hallmackenreuther rauf und runter laufen muss, ‚Kulturzeit‘ braucht Schnitt-Footage.“ Klaus Walter hat wenig Lust auf die vermeintliche Rampensau, so könnte man etwas flapsig formulieren – und mit dieser Unlust hält der Autor nicht hinter dem Berg. Was dann folgt? Ein Anfang „mit einer blöden Frage: ‚Was hast du mit den folgenden Leuten gemeinsam: Joe Cocker, Tina Turner, Chris de Burgh?‘“ Adam Green reagiert genervt und ausgehend von Klaus Walters Skepsis und eingangs provozierenden Fragen („Kann jemand wie ich, doppelt so alt wie du, deine Songs verstehen?“) entwickelt sich ein Gespräch über Bob Dylan, Beat Happening, Jens Friebe (den kennt Green dann nicht), Harry Smith’s American Folk Anthology, Arbeitsweisen, Einflüsse, den Sinn und Unsinn von Greens Texten... usw. – bis Adam Green zum Ende hin bemerkt: „‚Lustig, dass du da auf derselben Wellenlänge bist.‘“ Woraufhin Walter in seinem Text anschließt: „Tja, sieht so aus, wider Erwarten.“ Ob beide tatsächlich „auf einer Wellenlänge“ lagen, das ist an dieser Stelle nicht so wichtig. Interessant an diesem exemplarischen Interview, und für die Frage der regressiven Rezeption bedeutsam, ist, wie Klaus Walter aller Skepsis zum Trotz die Auseinandersetzung mit Adam Green sucht, sich über dessen Arbeit informiert zeigt, einen schlagfertigen und ebenso informierten Gesprächspartner in Adam Green findet und am Ende er und die LeserInnen einiges mehr und über die naheliegenden Perspektiven (Anti-Folk, New York, Ex-Moldy Peaches, Bla, Bla...) hinaus erfahren haben. So kann’s gehen...
Der Verdacht der Regression sollte daher vielleicht – bevor er an KünstlerInnen herangetragen wird – zunächst gegenüber der professionellen Rezeption (hier dem Schreiben über Musik) geäußert werden. Interviews und Plattenkritiken, die sich, aufgrund begrenzter Zeichenzahl, Ahnungslosigkeit, Desinteresse und/oder Lustlosigkeit der schreibenden LohnarbeiterIn, lesen wie eine Ansammlung von marktgerechten Einfallslosigkeiten, sind da nur ein schillerndes Beispiel für eine stereotype Auseinandersetzung nicht nur mit so genannten „Wunderkindern“ und „Folk-Elfen“, die ja unter solchen Bedingungen erst hergestellt werden.
Was möglicherweise regressive Gebrauchsweisen von Musik (ob in professioneller Absicht oder nicht) betrifft, so muss zunächst wohl nüchtern festgestellt werden, dass jedwedes Kunstwerk durch seine prinzipielle technische Reproduzierbarkeit unter jeder denkbaren Möglichkeit und in den unterschiedlichsten Lebenslagen „genossen“ werden kann – mit welchem Effekt auch immer, denn:
„Die Reproduktionstechnik, so ließe sich allgemein formulieren, löst das Reproduzierte aus dem bereich der Tradition ab. Indem sie die Reproduktion vervielfältigt, setzt sie an die Stelle seines einmaligen Vorkommens sein massenweises. Und indem sie der Reproduktion erlaubt, dem Aufnehmenden in seiner jeweiligen Situation entgegenzukommen, aktualisiert sie das Reproduzierte,“ so Walter Benjamin (im Original kursiv).
Problemlos kann, so lässt sich Benjamin folgend sagen, Marissa Nadler „Tomorrow I’m gonna leave a bird on your grave, and say a little prayer for you“ singen, während ich diese Zeilen hier tippe und das ohne, dass ich mich direkt angesprochen fühle. Wahrscheinlich habe ich ihr auch in diesen Momenten nicht in dem Maße Aufmerksamkeit geschenkt, wie es ihre Kunst von mir verlangen kann.
Aus meinem ggf. fahrlässigen Umgang mit Marissa Nadlers Musik folgt eben daher zunächst nicht, dass ihre Musik per se, das heißt der Form und dem Inhalt nach, für den Coffee-Table, die Badewanne oder Sonntage im Bett gemacht sei. Diedrich Diederichsen bemerkt in diesem Zusammenhang, dass „jeder für die Betreffenden existenziell wichtige Gebrauch von Musik dem Gebrauch selbst ein solches Primat vor dem Objekt des Gebrauchs einräumt, so dass es nicht mehr möglich ist, aus dem Objekt selbst irgendwelche Rückschlüsse zu ziehen.“ – Eine radikale Perspektive, die für Diederichsen allerdings nicht bedeutet, dass die Frage der Interpretation damit gänzlich vom Tisch bzw. auf den privaten Küchentisch verschoben wäre. Im Gegenteil: Zu versuchen zu klären, was Musik jeweils sein kann, sein sollte oder gar ist, dazu bedarf es nicht zuletzt auch einer professionellen Rezeption (die Funktion der KritikerIn), die versucht, „Bescheid zu wissen“ und dabei nicht vergisst, ihre Perspektiven und ihre Position dem Leser so transparent wie möglich zu machen – was nicht heißt, LeserInnen zu pädagogisieren. Man legt vielmehr das „Arbeitsbündnis“ dar, das zur Urteilsbildung führt (wie in den erwähnten Artikeln von Sonja Eismann und Klaus Walter).
Vor diesem Hintergrund wäre schon einiges geleistet, wenn die Auseinandersetzung mit den so genannten „Folk-Elfen“ dazu führte, sich einerseits von den vermeintlich ätherischen Wesen hin und wieder verführen zu lassen (soviel Regression muss sein!) und seine Freude am Mummenschanz sich nicht verderben zu lassen – gerade weil man eben auch weiß, dass es sich um ein Maskenspiel handelt!
(Dieser Artikel erschien zuerst in Testcard #18. Kauft Euch das Ding, lohnt sich.)
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