Fr., 17. Jul. – Melt! Festival 2009
Audiovisueller Overkill, der Spass machen kann. Nach dem durchwachsenen Vorjahr stimmt das MELT! Festival am vergangen Wochenende versöhnliche Töne an. Hier meine musikalischen Eindrücke.
Wenn mich einer fragt, warum ich 2009 zum fünften Mal in Folge trotz der fortschreitenden Extension des ehemalig intimen Festivals hin zum audiovisuellen Overkill, besonders durch das chaotische und schwache Vorjahresfestival symbolisiert, fahre, dem gebe ich nur eine Antwort: Liebe! Symbolisiert zum Einen durch die unkaputtbar-gute Location um die Bergbaubagger von Ferropolis und zum Anderen durch das perfekte Gespür der Macher, jedes Jahr genau die Bands einzuladen, die ich wirklich sehen will. Ich kann mich nicht erinnern, dass das MELT! in den letzten Jahren irgendwann ein schwache Line-Up hatte. Die Qualität der Quantität spricht hier für sich. Aber der Reihe nach. Und so gebe ich der einstigen Liebe „MELT!“ noch einmal eine Chance, obwohl es sich nach 2008 viel verspielt hat. Der damalige Sprung zum großen 3-Tages-Festival ging einher mit organisatorischem Chaos, maßloser Überfüllung, Drogen-Druffies und allerhand Problemen, welche bei vielen Besuchern einen faden Beigeschmack hinterließen. Es sei vorweggenommen, dass das MELT! 2009 nicht alles perfekt machte, aber vieles besser, als 2008. Gut, die Druffies gab’s immer noch und exzessiver Drogenkonsum wird immer Hand in Hand mit elektronischer Musik gehen. Ansonsten hatte man aber an einigen Kritikpunkten gearbeitet. Die Kapazitäten wurden auf 20.000 begrenzt und so war es auch wieder möglich, sich auf dem Gelände frei zu bewegen. Der unsinnige MELT!-Klub wurde abgeschafft, ein paar weniger unfreundliche Ordner eingestellt und teilweise eine bessere Informationspolitik betrieben. Teilweise!
Freitag
Wer wie ich bereits Donnerstag angereist ist, wusste nicht unbedingt etwas von der Absage der
Foals, welche viele sicher hart getroffen hat. Die Schweinegrippe hatte sich im Lager der Band breit gemacht. Und während für Sänger Yannis Philippakis (Achtung Wortwitz) „just another hospital“ angesagt war, sprangen die wunderbaren
Delphic kurzerhand von ihrem Slot 2h nach hinten und füllten denen der jungen Fohlen. Vorher spielten noch die
Cold War Kids, die aber eher nervten, obwohl ich das Debüt ganz okay fand. Dennoch einer dieser Acts, wo man sich 2 Jahre später bereits fragt, was man damals an denen gut gefunden hat. Kooks-Syndrom! Jedenfalls taten Delphic auf der Mainstage alles richtig und spielten mit ihren elektrischen Dance-Hymnen genau das richtige, um dein kleinen Haufen vor der Mainstage zum Schwitzen zu bekommen. Angesichts der subtropischen Temperaturen war dies eine leichte Aufgabe. Ich freu mich auf’s Debüt! Und dass die Band noch einige Foals-Fans unbeabsichtigt für sich gewinnen konnten, ist sicher auch nicht so verkehrt. Danach blieb erst mal kurz Zeit, das Gelände zu erkunden und sich mit diversen Neuerungen vertraut zu machen. Und dem Publikum. Das ist wie immer ein bunter Haufen, wobei da dass „bunt“ durchaus wörtlich zu verstehen ist. Vom normalen Indie-Dresscode, bis hin zum Bad-Taste-Party-Outfitt oder verrückte Verkleidungen (Captain Future war anwesend!)... jeder versucht irgendwie aus der Masse herauszustechen. Wenn dies aber Tausende Leute gleichzeitig versuchen, geht dieser Plan natürlich nach hinten los, denn SO bildet man erst recht eine Masse. Jugendkulturen sind schon eigenartig. Im Prinzip sind alle verkappte Rockstars, die diese 3 Tage nutzen, um sich mal so zu geben. Die überdrehte ADS und Web-2.0.-Generation muss halt auch mal Dampf auslassen, bevor es sich wieder mit Abitur und Bachelor herumschlagen muss. Nichts spricht gegen ein paar Tage Eskapismus zu guter Musik. Wer dafür exzessiv Drogen konsumieren muss, soll das machen. Wenn einem die Druffis um 4 Uhr morgens total daneben an der Big Wheel Stage anquatschen und ihre Klamotten nach einem Mix aus Erbrochenem und Eigenurin riechen, kann ich nur müde lächeln. Und 17jährige, die einen aufgedreht nach Speed fragen? Gottes Willen, die sollen sich mal lieber ne Freundin suchen. Aber wer’s nötig hat, hat’s nötig. Meine Droge heißt, ganz oldschool Musik (ach ja, und Alkohol, of course) und da ging’s gleich weiter mit den famosen Post-Rockern
This Will Destory You im Zelt (Innentemperatur: gefühlte 50 Grad). Schön, dass auch für so spröde und vielseitige Musik immer noch Platz auf dem MELT! ist. Dementsprechend fanden sich hier auch eher der „erwachsene“ Teil des Publikums wieder. Mich persönlich zogs aber schnell weiter, weil ich mich noch mal dem anderen Teil anschließen wollte. Die
Klaxons, sozusagen die Blaupause der New-Rave-Bewegung, gaben verspätet ihr MELT!-Debüt auf der Hauptbühne. Da schaut man gern vorbei, zumal auffällt, wie gut doch einige Hits aus dem 2007er Debüt „Myths of The Near Future“ waren. Nun heißt es warten auf das zweite Album, die ersten Hörproben daraus machen bereits Lust auf mehr. Vielleicht doch keine Eintagsfliege. Zwischendurch wurde die Nahrungsaufnahme am Pizzastand noch kurz mit einem Abstecher zur Big-Wheel-DJ-Stage verbunden, wo <b>Rex The Dog</b> ein sehr grundsolides Set hinlegte und mit seinen zackigen Retro-Beats die Masse am riesigen Kohlebagger zum Tanzen brachte. Sehr fein! Zurück zur Hauptbühne, um gleich noch die letzte Nummer der Klaxons mitzubekommen.
Anschließend ging’s nach vorn, um sich dort Plätze für die Norweger von
Röyksopp zu sichern. Deren Auftritt sollte das Tageshighlight darstellen und das Publikum mitreißen. Kaum zu glauben, wozu zwei schlaksige Skandinavier an Keyboards fähig sind. Nach der sphärischen Eröffnung spielt das Duo eine Setlist voll mit allen Hits und Gastsängerin, multifunktional den Job aller weiblichen Kollaborateurinnen der Band übernimmt. Besonders die Songs vom tollen neuen Album „Junior“ überzeugen, wie die traumhafte Ballade „You Don’t Have A Clue“ oder der Disco-Traum „The Girl And The Robot“. Als sich die gute Dame dann maskiert als Fever Ray ausgibt und „Tricky Tricky“, sowie das geniale „What Else Is There?“ darbietet, ist das Weltklasse! Die Party nimmt ihren Höhepunkt, als „Only This Moment“, „Poor Leno“ (also ich hab Erlend Øye an dem Tag schon auf’m Gelände gesehen, da hätte der doch mal vorbeischauen können) sowie ein mir unbekannter, aber extrem tanzbarer, bratziger Elektro-Song das Set beenden. Richtig, richtig geil war das! Weniger geil waren im Anschluss die
Crystal Castles, welche auf einer hoffnungslos überfüllten Gemini Stage „spielten“... na ja, also relativ. Außer dumpfen Beats und undefinierbarem Geschrei von Sängerin Alice hab ich auch nichts weiter vernommen. Aber anscheinend ist das die Band der Stunde. Warum auch immer. Egal, Bier geholt und weitergegangen. Waurm die Veranstalter allerdings nicht so blickig waren, die Hype-Rave-Whatever-Band der Stunde auf die Hauptbühne zu verlegen, sei an dieser Stelle mal in den Raum gestellt. Mein Ziel hieß nun aber
La Roux, von denen ich gerade so angetan bin, dass ich sogar schweren Herzens die unglaublich netten und tollen
Travis zurücklasse. Die vier Songs die ich mitbekomme sind natürlich toll und Fran Healey bleibt einfach der netteste Mensch der Welt. Daran ändert sich nix. Dennoch weiter Richtung Zelt. Dort betrat Elly Jackson aka La Roux pünktlich gegen halb 1 die Bühne der immer noch extrem stickigen Location, unterstützt von einem Drummer, sowie jeweils Frau und Mann am Keyboard. Die Songs vom selbstbetitelten Debüt sind allesamt schick tanzbare Pop-Ohrwürmer, Jacksons’ Stimme herrlich markant. So markant, dass sie viele natürlich auch nervt, aber es spricht ja nix über etwas Kontroverse im Pop. An diesem Abend halten jedenfalls Stimme und Haartolle, was sie versprechen. Als am Ende dann mit „In For The Kill“ und „Bulletproof“ die UK-Megahits ausgepackt werden, sind alle Ohren offen und es wird mitgesungen, so laut es geht. Wer weiß, ob La Roux eine zukünftige Pop-Konstante wird, vielleicht ergeht’s ihr ja auch so, wie mir mit den Cold War Kids, aber für 2009 hat sie die Hits auf jeden Fall auf ihrer Seite. Angestachelt davon, wollte ich natürlich weiter tanzen und bei so was eignet sich natürlich der Gang zum großen Bagger und der Big Wheel Stage bestens, wo
Matthew Herbert gerade ein astreines Set hinlegte. Da lies es sich erst mal ein paar Minuten aushalten, bevor es weiter zur Gemini Stage ging, wo gerade
Gossip ihren Slot beendeten. Auch hier alles hoffnungslos überfüllt. Warum spielt eigentlich gerade diese Band nicht auf der Hauptbühne? Die Single „Heavy Cross“ steht doch in Deutschland mit einem Bein in den Top 10. Jedenfalls sah Beth Ditto wieder mal sehr stilsicher aus. Unvorteilhafte Kleidung als Konzept! Die ersten Reihen dürfte es freuen. Im Anschluss wurde sich dann aber noch mehr über <b>Simian Mobile Disco</b> gefreut, welche ab halb 3 damit beschäftigt waren, das Publikum zum Ausflippen zu bekommen. Fitzlige und hämmernde Beats taten ihr Übriges, um dies zu garantieren. Die Masse tobte, besonders bei den Hits vom Debüt, wie „It’s The Beat“ oder „Hustler“. Und dabei turnten davon nur zwei schlaksige Keyboard-Nerds an ihren Geräten herum. Die Anti-Rockstars schlechthin sozusagen. Gefeiert wurden sie trotzdem von vielen. Der Rave-Overkill sozusagen, besonders weil aufgrund des langsam einsetzenden Regens immer mehr Leute unter die kleine Bühne drängten. Irgendwann war’s mir dann auch zu viel und da anscheinend vielen das Prinzip von physikalischer Verdrängung nicht bekannt war, ging ich lieber davor. Regenjacke an und weitergemacht. Auch wenn’s irgendwann nicht mehr ging. Denn was pünktlich zum Ende des Disco Duos da vom Himmel kam, war ein Guss, wie man ihn in dieser Form selten erlebt. In den nächsten zweieinhalb Stunden regnete es dauerhaft mit einer Intensität und Niederschlagsmenge, die selbst den härtesten Briten überraschen durfte. Alle weiteren Festivalaktivitäten wurden abgebrochen. <b>Moderat</b> gingen frustriert vor ihrem Auftritt nach hause, aus <b>Trentemøller</b> trat wohl gar nicht mehr an. Statt Party hatte die Rettung des Hab und Guts auf dem Zeltplatz erst einmal Vorrang. Komplett durchnässt wurde dann die nächsten Stunden draufgeachtet, wass Wind und Regen das Zelt nicht wegwehten. Der Pavillon war eh schon kaputt und diverse Nahrungsmittel und Grillkohle durchnässt. Als dann auch noch ein paar hamsternde Briten unser Wasser klauten, war die Stimmung kurzzeitig mal relativ am Boden. Dabei hätten sie einfach mal ein paar Eimer aufstellen müssen und sie hätten genug Trinkwasser für Tage gehabt. Irgendwann wurde der Regen dann leiser, sowie der Wind und das Verlangen den Zeltplatz zu patrolieren schwächer und ich schlief ein. Ein langer erster Abend auf dem MELT! ging zu Ende.
Samstag
Der Morgen nach der Sinnflut war dann zur allgemeinen Neuorientierung geeignet. Nach der Inventur musste es halt weitergehen. Der Pavillon wurde mit Tape und Ersatzteilen anderer, kaputter Pavillons notdürftig wieder fit gemacht, die Sachen so gut es ging getrocknet bzw. beim Super-Discounter KIK neue besorgt. Die haben übrigens sehr stylische Holzfällerhemden. Warum dafür 25 Euro bei H&M ausgeben, wenn’s da auch für 3 geht? Das nur nebenbei. Und so wurde dem durchwachsenen Wetter mit eifrig Spirituosenkonsum und gutem Humor getrotzt, so dass die MELT-Party abends weiter gehen konnte. Anlaufpunkt Nr. 1 für mich waren die
Filthy Dukes um 8 auf der Gemini Stage. Auf ihrem zackigen Debüt „Nonsense In The Dark“ verknüpft das Gespann gekonnt elektronische Club-Musik mit Pop, Rock und dem ein oder anderen Psychodelic-Element. Und auch live wächst das ehemalige DJ-Gespann mittlerweile zur Band heran, auch wenn Sänger Tim Lawton noch Probleme hat, jeden Ton einigermaßen zu treffen. Zum Munterwerden taugen die flotten Beats aber auf jeden Fall, wenngleich ich im Anschluss wohl zu den wenigen Leuten gehöre, die freiwillig auf die absolute Hype-Kultband
The Whitest Boy Alive verzichten. Die habe ich dieses Jahr schon gesehen und vom Hocker gerissen hat mich das nicht. Mehr als nettes Mitwippen ist da nicht drin, weshalb ich mich lieber zum wirklich schönen Strand bei der Red Bull Music Academy (dieses Produktplacement nervt!) verzog, um da erstmal gemütlich mit Getränk in der Hand im Liegestuhl die Wellen rauschen zu hören und zu beobachten, wie eine kleine Gruppe Menschen sichtlich Spass hatte auf dem noch etwas Nassen Sand zu knackigen Elektrobeats abzurocken. Laut Timetable müsste
Daniel Haaksman aufgelegt haben, aber Namen sind bei den kleinen Elektro-Floors eh nur Schall und Rauch. Eine schöne Sache. Ehe man da allerdings versackt, gings weiter und zwar zum Zelt, um der wundervollen
Anna Ternheim beizuwohnen. Die kleine skandinavische Elfe verzauberte das Publikum mit grundsympathischem Singer/Songwriter-Sound. Ein schöner Kontrast zu dem ganzen Elektro-Gekloppe auf allen anderen Bühnen. Auf jeden Fall sollte man sich diese Frau vormerken. Wirkt wie die unnervige Variante von Amy McDonald. Nach dem Hörgenuss sollte aber auch wieder etwas getanzt werden, weshalb ich mich zur Mainstage verzog, wo Punkt Mitternacht zur Geisterstunde
Phoenix anfangen sollten. Die Tatsache, dass ich mich zwischen einer Gruppe 15jähriger britischer Fans und ein paar Deutschen Anfang 30 befand, welche jedes Wort mitsingen konnten, rief mir erstmal ins Bewusstsein, dass die Band ja jetzt auch schon seit 10 Jahren im Geschäft ist. Und von dem 5 MELTs, die ich bisher hatte ist sie mit diesem dritten Auftritt auch mein Top-Act des Festivals. Und 2009 machen Phoenix so viel Spass, wie lange nicht mehr. Denn mit „Wolfgang Amadeus Phoenix“ ist jüngst das beste Album seit ihrem Debüt erschienen. Davon wurden natürlich einige Songs gespielt. Das Set beginnt mit „Lisztomania“, dem todsichersten Hit des Jahres und surft dann ein wenig durch die Band-Historie, wenngleich ich überrascht bin, dass bspw. „Everything Is Everything“ oder das tolle „Too Young“ ausgelassen werden. Na ja, kann man nix machen. Luxusproblem auch irgendwie. Immerhin sind neue Songs, wie “Lasso“ oder „Rome“ wunderbar. Das Set endet mit „1901“, welches angesichts der Publikumsreaktionen als ein weiterer todsicherer Klassiker in die Band-Historie eingehen wird. Während des ganzen Auftrittes war das Grinsen nicht aus meinem Gesicht zu bekommen. Pop in Hochform! Irgendwann um diesen Zeitraum müssen auch
MSTRKRFT angefangen haben, ihr Set auf dem Red Bull Floor zu spielen. Doch die Suche nach den beiden Kanadiern entwickelte sich eh zum Running Gag des Samstags. Aus dem ursprünglichen Plan, Freitag zu spielen wurde sowieso nix und nun wurde auch der Samstags-Slot um 2h vorgezogen. Das sagten zumindest die Info-Tafeln und kurzzeitig auch die Leute am Infostand. Doch die änderten ihre Meinung wieder und sagten: „Nee, die spielen halb 3 auf der Gemini“. Ja, schön und gut, das taten sie aber dann doch nicht. Leider verpasst aufgrund schlechter Informationspolitik bzw. doofen Personal. Ebenfalls leider verpasst habe ich dann
Fever Ray, was ich mittlerweile etwas bereue, da ihr Auftritt wohl einer der besten gewesen sein muss. Stattdessen habe ich mich von der Liebe zu meiner Lieblingsband hinreißen lassen und bin zu
Bloc Party an die Hauptbühne gegangen.
Ach, Bloc Party, Bloc Party! Letztendlich schloss sich hier ein Kreis. Vor 5 Jahren habe ich sie hier erstmals gesehen. Da waren noch wesentlich weniger Leute da, aber die Stimmung war super, obwohl die Band damals mit Telekom-Werbe-Leuchtstäben (ja, das gab’s auch 2005 schon) beworfen wurde. Daran sollte sich Kele Okereke später ebenfalls noch erinnern und dafür prompt mit erneutem Bewerfen bestraft werden. Ansonsten muss ich trotz meines Die-Hard-Fantums und meines insgesamt siebten BP-Gigs eingestehen, dass der Auftritt eher enttäuschend war. Sicher, die Band hat nach wie vor die besten Songs. „Song For Clay“ hat immer noch soviel Wut, „One More Chance“ funktioniert als neue Disco-Single bestens und „Uniform“ ist wie die Faust ins Gesicht all der Stylo-Möchtegern-Rockstars im Publikum. Doch die besten Songs täuschen nicht über eine schwache Performance hinweg. Zum einen war der Sound recht mies… war Russells Gitarre bei „Flux“ überhaupt eingestöpselt? Zum anderen hatte die Band keinen guten Tag. Anscheinend hatte der späte Slot um halb 2 dafür gesorgt, dass Okereke mehr Drogen als gewöhnlich eingenommen hat. Dementsprechend lasch wurde gespielt und gesungen. Teilweise hatte er auch wenig Lust drauf. Da wurde lieber das Publikum beleidigt, weil die nicht ausflippten. Hmm, bei dem Angebot verständlich. Da hilft auch kein Sprung in die Masse. Dennoch war das Ende dann für Band und Publikum versöhnlich. Dennoch nicht der Oberknaller und vielleicht sollte die Band langsam wirklich mal über eine längere Pause nachdenken.
Pausen gibt’s auf’m MELT! natürlich angesichts des dichten Programmplanes nicht, so dass im Anschluss ein Kurzbesuch bei Berlins neuem Kult-DJ
Paul Kalkbrenner anstand. Ja, der Mann, aus „Berlin Calling“. Und wie der Zufall es auch wollte, ertönte gerade dann das traumhafte „Sky And Sand“ von der Big Wheel Stage, als ich da hinging. Hätte das MELT! 2009 eine Hymne gehabt, dann wäre es dieser Song gewesen! Einmal warmgetanzt ging es halb 4 morgens zurück zur Hauptbühne, wo
Digitalism anfingen zu spielen und bewiesen, warum sie Deutschlands Elektronik-Import Nr. 1 sind. Da stand niemand still! Was für eine Performance! Unterstützt mit bunten Visuals und einem Schlagzeuger konnte das Duo beweisen, dass sie den Sprung vom DJ-Team zur Live-Band spielend schaffen, zumal die neuen Tracks von „Idealism“-Nachfolger auch wesentlich stärker nach Band als nach Club klingen. Dennoch wurden gerade die „Klassiker“, wie „Idealism“ oder „Pogo“ frenetisch gefeiert. Ein echtes Highlight! Schon wieder! Doch die Nacht war natürlich nicht vorbei, denn auf der Gemini sollte es noch einige Stunden weitergehen. Dort lieferten die Star-DJs
Erol Alkan und Boys Noize ein gemeinsames Set voller Elektro-Bretter ab, das sich gewachsen haben sollte. Assi-Techno auf hohem Niveau! Zwar schaffte es Boys Noize nicht ganz sein mittlerweile schon legendäres 2008er-Set an gleicher Stelle zu wiederholen, aber ne ordentliche Party war das trotzdem. Zwar zeigten sich schon erste Ermüdungserscheinungen, aber immer wenn man der Meinung war, man konnte nicht mehr, baute das türkischstämmige Duo geschickt einen Knaller und eine überraschende Wendung in das Set ein, um die Masse wachzurütteln. Länger als 2 Minuten wurde eh kaum ein Track gespielt. So viel auch der Wunsch nach einer Zugabe frenetisch aus, die dann in Form alter 90er-Jahre-Klassiker kam. Und mit „Zombie Nation“ von Kernkraft 400 kann man eh nix falsch machen. Dann wurde gezeigt, wie wach das Tanzvolk um 7 Uhr morgens noch war! Was für ein Abend, was für ein Morgen! Die einzige die fehlte war die Sonne! Aber die kam dann halt am Sonntag!
Sonntag
Der Sonntag hat beim MELT! seit jeher die Funktion des chilligen Ausklangs nach dem Party-WE, ganz wie im richtigen Leben. Daran hat auch die Belegung mit dem Hauptact seit Björk vergangenes Jahr nix geändert. Glücklicherweise blieb es trocken, wenn auch recht windig. Und so wurde tagsüber versucht, so gut es geht wieder auf zu Kräften zukommen, insofern das ohne wirklich viel Schlaf überhaupt möglich war. Der Sonntag sollte dann ganz in Britischer Dominanz sein, was nicht verwunderlich ist, wenn man mal eben die größten Bands des Landes einlädt. Die verhielten sich okay. Klar, sind Briten etwas prolliger als andere Völker und hier Hang zum Alkoholismus ist beeindruckend. Dennoch hab ich da schon schlimmere Deutsche erlebt. All die (meist betrunkenen oder druffen) Briten, mit denen ich geredet habe, waren stets unglaublich nett und an der deutschen Sprache interessiert. Wenngleich es da eher um Wendungen geht, mit welchen man junge Frauen zum Geschlechtsakt überreden kann. Immerhin besser als nichts. Das nur zur Richtigstellung.
Da ich selber dann doch nicht so schnell aus’m Trott kam, wie ich dachte, wurde der erste Act des Tages,
Patrick Wolf leider größtenteils verpasst. Lediglich „The Magic Position“ bekam ich mit und das machte Lust auf mehr von diesem lustigen androgynen Mann im Brüno-Outfit. Na ja, vielleicht an anderer Stelle. Nach einem kurzen Abstecher zum Red Bull Strand (wo man immer noch super chillen konnte), sollte es auf der Mainstage mit
Glasvegas weitergehen, von denen ich dachte, sie würden mich vielleicht mit einem guten Auftritt über das enttäuschende Debüt-Album hinwegtäuschen. Doch nichts da. Die Band wird ihren Ruf als „Flop des Jahres“ einfach nicht los. „Scheißvegas“ spielten unmotiviert ihr Set runter und es wurde wieder einmal schmerzhaft deutlich, wie abwechslungsarm diese Jesus-And-The-Mary-Chain-Gitarrenwand-Schmonzetten tatsächlich sind. Die Band tritt eine Idee immer wieder breit und langweilt damit zu Tode. Und Sänger James Allan ist ein selbstverliebter Sack der nervigen Sporte. Sein scheinbar einziges Ziel bestand an diesem Tag wohl darin, Frauen für seine Umkleidekabine zu gewinnen. Das machte er allerdings mit einer Penetranz, dass ich ihm beinahe wünschte, irgendeine junge Dame würde es hinter sich bringen und sich erbarmen. Symbolhaft sein zu erwähnen, dass einige Besucher (mich kurzzeitig inklusive) bei der Performance eingeschlafen sind. Der nächste Aufreger waren dann im Anschluss
Polarkreis 18 aus Dresden. Allerdings ist der Aufreger weniger die Band an sich, sondern das Publikum. Natürlich wird die Band vom coolen, hippen Indie-Volk jetzt gehasst, weil sie ’nen Nummer-1-Hit hatte. Das hörte ich nämlich viele Leute sagen. Deutschland ist natürlich das Land des Sozial- und Karriereneids. Da hat sich eine Band jahrelang wirklich nach oben gespielt und hatte auch viel Zuspruch, aber sobald sie einen Schritt weiter geht und sich einem großen Publikum öffnet (und sich dabei musikalisch treu bleibt), wird da gleich „Ausverkauf“ gebrüllt. In England wär das natürlich was anderes. Und ne Massenband, wie Bloc Party wird trotzdem abgefeiert, obwohl die wesentlich mehr verkauft als die Band aus Dresden. Is klar. Dafür haben PK18 wesentlich mehr drauf, als all die Kantes und Tocotronics dieser bunten Republik. Gegen solche Nörgler und Engstirnigkeiten muss die Band um den charismatischen Felix Räuber nun immer wieder anspielen. Doch sie schlägt sich dabei nach wie vor sehr gut und spielt mit Verstand und musikalischem Können gegen diese Wand an. Auch an diesem Sonntag. Da können die hochgestreckten Mittelfinger einiger Spasten nichts ändern. Räuber kokettiert dabei locker mit dem Ausverkauf-Vorurteil und der Applaus wird langsam lauter (auch wegen eines Exhibitionisten im hinteren Teil des Publikums). Die Show ist ansonsten perfekt durchgestylt und am Ende macht „Allein Allein“ trotzdem irgendwie Spass. Ein paar Zweifler werden Polarkreis 18 an diesem Tag wieder umgestimmt haben. Das machen sie immer. Und deshalb werden sie hoffentlich auch weiterhin diesen Weg gehen. Wir haben selten mal eine Band von internationalem Format im Land, also sollten wir uns eher freuen.
Danach übernahmen die Briten dann langsam das Zepter. Kein Wunder, denn als nächstes standen
Kasabian auf dem Plan. Mit denen ist es schon eine verrückte Sache. In ihrem Heimatland spielen die psychodelischen Retro-Rocker gar nicht mehr unterhalb riesiger Sportarenen, aber hierzulande haben sie sich bisher nicht durchsetzen können. Vielleicht sind sie dafür zu britisch und zu Eigen. Ein paar gute Songs besitzen sie ja, aber insgesamt klingt das alles wie irgendwie schon zig Mal da gewesen. Allerdings wird schnell deutlich, warum Kasabian als gute Live-Band gelten. Der Sound rockt ordentlich und Frontmann Tom Meighan kann zwar nicht unbedingt optisch punkten, aber versteht es, dass Publikum zum Mitmachen zu animieren. Das klappt auch soweit ganz gut und mit Songs wie „Empire“, „Club Foot“, „Fire“ oder zum Abschluss „LSF“ hat man auch einige Crowd-Pleaser im Angebot. Dafür spendet man gern Applaus, auch wenn ich in Sachen Kasabian trotz dieses Live-Gigs hinterher nicht schlauer bin. Aber diese Gedanken verfliegen schnell, dann der Headliner wird erwartet. Und zu diesem Zeitpunkt bin ich auch in der richtigen Stimmung. Eine seltsame Mixtur aus Alkohol, Schlaf- und Hygienemangel, der Abgeschiedenheit von menschlicher Zivilisation und die fast 24stündige Dauerbeschallung mit Musik bringen mich spätestens Sonntag in die richtige Stimmung für
Oasis. Legenden live! Alle, die gemotzt haben, das die Könige des Cool Britannia als Headliner gebucht wurden, können mich mal kreuzweise. Oasis Wert für die britische Musik der letzten, sagen wir mal, 10 Jahre kann gar nicht hoch genug gemessen werden. Im Zeitraum zwischen 1994 und 1996 waren sie ganz offiziell die größte und wichtigste Band der Welt und nach diversen schwächeren Platten sind sie heut wieder qualitätsmäßig auf einem recht guten Level zu finden. Doch die Gallaghers sind sich auch durchaus bewusst, dass sie ihren Zenit bereits vor Jahren hinter sich gelassen haben, weshalb sie an diesem Abend alles richtig machen und eine einzige Retro-Show spielen. Nur 3 Songs vom neuen Album gibt’s, ältere Platten werden komplett ausgelassen, der Großteil des Sets bedient sich bei „Definitley Maybe“ und „Morning Glory“. Und das ist auch vollkommen richtig so. Aber Noel hat ja mal vor Jahren gesagt, er ist sich absolut im Klaren, dass dies ihre besten Songs sind. Und so wird ordentlich was abgefeuert… „Cigarettes & Alcohol“, „Roll With It“, „Supersonic“, „The Masterplan“. Hit auf Hit! Die Masse freuts. Noel fragt, wer denn aus Manchester sei. Eine recht hohe Anzahl von Händen wird gehoben, was der schrullige Songwriter dem Publikum nicht wirklich abnimmt. Bruder Liam gibt stattdessen wie immer das Großmaul, welches starr und arrogant herum steht, ab und an mal jemanden grimmig anschaut und unverständliche Kommentare ins Mikrofon rotzt. Mehr muss er auch nicht. Allgemein wirkt die Band aber recht gut gelaunt. Und so millionenfach „Wonderwall“ bereits gecovert und heruntergespielt wurde, wenn die Band es zusammen mit tausenden Fans intoniert ist dies immer noch der Hammer. Und wenn Noel nur auf der Akustik-Gitarre „Don’t look back in Anger“ anstimmt, ohne dabei viel singen zu müssen (denn natürlich kann fast jeder im Publikum diesen Song auswendig), dann bekomme nicht nur ich Gänsehaut. Und dann erst noch dieses Finale. Die 90er-Jahre-Aufbruchs-Hymne „Live Forever“ hat nichts von ihrer Kraft verloren und das epochale „Champagne Supernova“ bleibt sowieso einer der größten Songs aller Zeiten. Nach dem obligatorischen Beatles-Cover zu „I Am The Walrus“ ist nach genau 90min Schluss. Mit einem letzten Jubelschrei verabschiede ich die Band, bin vollkommen fertig, wenngleich das Festival auch noch nicht ganz fertig ist.
Auf der Gemini spielt
Tiga die letzten Tanzwütigen in Grund und Boden. So sehr, dass das Publikum nach dem unvermeintlichen Schluss um 2 Uhr die Bühne partout nicht verlassen will und mit Stangen und Bechern anfängt, mehr oder weniger rhythmisch auf die Brüstung einzuschlagen und dabei einfach weiterzutanzen. Braucht es ein symbolträchtigeres Bild, als dieses? Mitbekommen hab ich davon selber wenig, denn mein letzter Termin hieß dann
Passion Pit, welche noch mal alle Kraftreserven im Zelt mobil machten und sich die Herzen der Zuschauer mit wunderbar hymnischen Disco-Pop eroberten. Ganze zwei Zugaben musste das Quartett aus Massachusetts spielen, bevor dann das MELT! 2009 endgültig vorbei war. Von den Klassikern, wie Oasis, bis hin zu so heißen Newcomern, wie Passion Pit zeigt sich die enorme Spannweite und Vielseitigkeit des Festivalkonzepts. Und es ist nicht nur die Musik, auch die Menschen sind so vielseitig, wie nur möglich. Und sicher haben betrunkene Briten, Kids auf Speed und junge Mädels mit riesigen Hornbrillen (welche definitiv KEINE Brille im Alltag brauchen) auch immer einen gewissen Nervfaktor, aber all diese Menschen sind letztendlich trotzdem mehr oder weniger wegen der Musik da und schaffen es über 3 Tage hinweg ohne große Probleme miteinander zu feiern. Diese Vielseitigkeit unter einen Hut zu bringen ist sicher der faszinierendste Aspekt dieses Festivals. Und obwohl nach wie vor nicht alles perfekt war, so halte ich es ganz mit den Worten von Noel Gallagher… Ich blick nicht ärgerlich auf einige Ungereimtheiten zurück, sondern freue mich, dass mein Lieblingsfestival 2009 wieder zu alter Stärke gefunden hat. Ach, man kann ihm einfach nicht böse sein, weshalb es auch im nächsten Jahrzehnt sicher so weitergehen darf.
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